Ich lebe in Pankow, im Norden von Berlin. Seit Langem pflege ich ein Silvesterritual. Am letzten Tag des Jahres wandere ich durch die Zingerwiesen und den Schönholzer Wald zum sowjetischen Ehrenmal.

Der Forst scheint eine stadtentrückte Welt, doch die Idylle trügt. Diese Erde ist blutgetränkt. Man passiert das Luna-Lager, einst Zwangsarbeiter-Kolonie für die deutsche Rüstungsproduktion, benannt nach einem früheren Vergnügungspark. Nahebei überwuchert Efeu 350 kleine Grabsteine: Pankower Opfer des Berliner Endkampfs 1945. Zunächst einzeln am Ort ihres Todes begraben, wurden sie später hier versammelt. Wodan- und Walhallastraße intonieren Hitlerdeutschlands Höllenfahrt. Man quert die Germanenstraße und ist am Ziel.

Eine kurze Allee, dann ein Vorplatz. Zwei quadrische Torkapellen, geschmückt mit Reliefs von Kampf und Trauer. Der braune Marmor stammt aus Hitlers Reichskanzlei. Nun trägt er Lettern kyrillischer und deutscher Schrift: ENTBLÖSST DAS HAUPT! HIER SIND SOWJETISCHE SOLDATEN, HELDEN DES GROSSEN VATERLÄNDISCHEN KRIEGS 1941–1945, ZUR EWIGEN RUHE GEBETTET. SIE GABEN IHR LEBEN FÜR EURE ZUKUNFT. Das weite Gräberfeld birgt 13.200 gefallene Rotarmisten. Nur ein Fünftel der Namen verzeichnen Bronzeplatten an den Grabkammern und der Umfriedungsmauer. Im Zentrum der Anlage erhebt sich ein 33 Meter hoher Obelisk. Davor wacht Mutter Heimat über ihren toten Sohn, in Schmerzen, aber unbesiegten Blicks.

Die Bildsprache der Stalin-Ära zu rezensieren ist nicht die Absicht des Besuchers. Ich komme dankbar, aus Respekt.

Drei große sowjetische Ehrenmale hat Berlin. Die anderen beiden stehen in Treptow und in Tiergarten, hinter dem Brandenburger Tor. Das in der Schönholzer Heide ist am wenigsten bekannt. Ende 1949 wurde es eingeweiht, Anfang 2011 beschädigt geschlossen. Die Restaurierung kostete zehn Millionen Euro, zu zahlen von der Bundesrepublik Deutschland. Sie garantierte Russland 1994 beim Abzug der Roten Armee Ehrung und Pflege seiner Soldatenfriedhöfe. Davon gibt es, nach russischen Angaben, 3.500 mit 653.499 Toten. Sie alle liegen in Deutschlands Osten.

Es ist von einer Schande zu berichten. Wie jeder Schüler der DDR genoss ich fünf Jahre Russisch-Unterricht. Die überschwängliche Lehrerin ließ uns russische Namen wählen. Ich nannte mich Waleri. Ich erlernte den Gesang der Lieder Immer lebe die Sonne und Acht Paar Fliegen auf dem Parkett. Ich hütete eine Schallfolie mit Lenins historischer Rede Was heißt Sowjetmacht?. Unverlierbar beherrsche ich ein hilfreiches Repertoire russischer Elementaraussagen: Kiew ist sehr schön, es liegt ganz im Grünen. Zum Freundschaftstreffen mit sowjetischen Soldaten trinkt man Sekt. Guten Tag, Genossin, können Sie mir bitte sagen, ob sich unweit des Lenin-Mausoleums ein Friseur befindet?

Nicht dass ich je in Kiew gewesen wäre, unweit des Lenin-Mausoleums oder in einer sowjetischen Kaserne. Die Rote Armee hauste in einer verbotenen Welt. Man stieß an die ausgedehnten Sperrgebiete; sie umfassten 2,7 Prozent des Territoriums der DDR. Nur von fern sah man "die Freunde", ihre Truppen- und Waffentransporte, bei denen es immer wieder fatale Unfälle gab. Man munkelte vom brutalen Regime der Offiziere; den Soldaten ergehe es wie zu leibeigenen Zarenzeiten. Diese armen Muschiks taten einem leid. Viele desertierten – zumeist in den Tod. Wolf Biermann dichtete: "Wenn ich wo Rotarmisten seh / Dann blutet meine Wunde / Der Deutsche ist schon wieder fett / Sie leben wie die Hunde". Undenkbar war in der DDR ein rotarmistischer Besatzungs-Star wie Elvis Presley im hessischen Friedberg oder ein russisches Pendant zum US-Soldatensender AFN.