Soll es mit der Subventionierung des deutschen Ostens eigentlich ewig weitergehen? Mit Solidaritätsbeitrag, Solidarpakt, Fonds Deutsche Einheit, Länderfinanzausgleich, Strukturfonds der Europäischen Union? Wollen wir uns das, 25 Jahre nach dem Mauerfall, wirklich noch leisten?

Die Antwort lautet wohl: Wir müssen wollen.

Es gibt ja nur Schätzungen darüber, wie viel Geld bislang in die neuen Länder geflossen ist. Die niedrigsten liegen bei 250 Milliarden Euro, höhere bei 1,2 Billionen, und das Magazin Time fragte gar auf seiner Titelseite: What Did Two Trillion Dollars Buy? Ja, zwei Billionen. Für den Aufbau Ost. Von diesem Jahr an verhandelt das Land, ob es noch mehr wird.

Als ich vor 20 Jahren von Würzburg nach Chemnitz kam, wo ich eine Stelle an der Universität antrat, war im einstigen Karl-Marx-Stadt, anders als in Dresden oder Leipzig, noch nicht viel geschehen. Wo sich in anderen Städten ein Zentrum befindet, klaffte in Chemnitz ein urbanes Loch; eine riesige asphaltierte Freifläche. Der Kaßberg, das Gründerzeitviertel, sah aus, als hätte es gebrannt; dabei waren die Häuser nur von Braunkohledunst verfinstert.

Und heute? Die Stadt ist in Rekordzeit praktisch neu errichtet worden. Sie ist moderner als viele Städte im Westen, in denen die Infrastruktur seit den Siebzigern nicht überholt wurde. Sollte man es nicht gut sein lassen mit den Aufbauhilfen? Was man mit Geld machen kann, ist doch offenbar geschehen. Und was noch fehlt, kann man mit Geld nicht kaufen. Wäre es nicht an der Zeit, den Eintritt der Normalität festzustellen?

Nein, so einfach ist es eben nicht. Schon deshalb, weil nicht die DDR an allem Übel die Schuld trägt.

Um zu verstehen, warum der Osten weiter Geld benötigt, muss man wissen, dass die Unterschiede zwischen Ost und West weit zurückreichen. Die DDR hat, die sowjetische Besatzungszeit eingerechnet, gerade mal 44 Jahre existiert – nicht lange in Anbetracht von 1.200 Jahren deutscher Geschichte. In dieser Spanne war die Zentralmacht zumeist schwach und von eher symbolischem Charakter, oft fehlte sie ganz. Als Nationalstaat im neuzeitlichen Sinn hat Deutschland vor 1990 nicht länger als 74 Jahre existiert, die Lebenszeit eines Menschen, von Bismarcks Reichsgründung 1871 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Während England und Frankreich sich bereits seit dem 11. Jahrhundert als Staaten zu etablieren begannen – ein Prozess, der dort im Wesentlichen im 17. Jahrhundert abgeschlossen war –, liefen die Dinge in Deutschland geradezu in die entgegengesetzte Richtung. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zerfiel diese Gegend endgültig in Hunderte von souveränen Einzelländern. Das Wort "Deutschland" selbst ist jungen Datums, ihm geht ein älterer Plural voraus: deutsche Lande, das heißt solche, in denen man Deutsch spricht – ein geografisch-kultureller, kein politischer Begriff. Die ersten 74 Jahre, in denen Deutschland den Triumph der Einigung genoss, sind kaum die besten gewesen; zwei Weltkriege mit ihren katastrophalen Zerstörungen fallen in diese Epoche. Deren Trümmerberge verdecken den Blick auf die viel ältere Tradition: Deutschland, das Land der weitgehend autonomen Regionen.

Diese regionale Autonomie hat uns zum vielgestaltigsten Land Europas gemacht. Gibt es ein anderes, in dem sich solche Vielfalt entwickelt hat? Es fehlt zwar eine Weltstadt – Berlin ist ja eigentlich nur eine Preußenmetropole, nichts im Vergleich zu Paris oder London. Dafür aber ist die Provinz viel reicher und lebendiger als irgendwo sonst. In Frankreich gab es ein Versailles, das den Rest des Landes ausgesaugt und verödet hat; in Deutschland gibt es Versailles mehr als ein Dutzend Mal, in Potsdam und Hannover, in Kassel, Karlsruhe und Dresden, in Würzburg und Nymphenburg. Selbst eine Kleinstadt wie Weimar konnte zum eminenten Kulturzentrum werden, das kaum größere Göttingen brachte Scharen von Nobelpreisträgern hervor. Der Norden, der Süden, der Osten, der Westen haben hier deutlich verschiedenes Aroma – wäre ein Caspar David Friedrich in München, ein Balthasar Neumann in Kiel vorstellbar? Die deutschen Dialekte gehen auseinander bis zur wechselseitigen Unverständlichkeit.

Was bedeuten diese Überlegungen für den Osten von heute? Zunächst einmal, dass wir froh sein sollten über die Unterschiede in unserem Land. Und auch darüber, dass der Osten anders ist. Mit Deutschlands Kleinstaaterei einher ging immer die wirtschaftliche Ungleichzeitigkeit. Nehmen wir Mecklenburg: Diese Gegend liegt nicht erst seit gestern zurück. Als man Bismarck, den Architekten des kurzlebigen ersten deutschen Gesamtstaates, fragte, was er im Falle eines Weltuntergangs zu tun gedenke, antwortete der: Dann gehe er nach Mecklenburg, dort passiere alles fünfzig Jahre später.

Gerade diese Langsamkeit und Abgelegenheit macht dort den Reiz aus. Man will in Mecklenburg leben wie ein Mecklenburger, nicht wie ein Chiemgauer oder Schwabe. Weise fordert das Grundgesetz gleichwertige Lebensverhältnisse in Deutschland. Nicht gleiche. Das wäre Gleichmacherei.

Was das praktisch heißt, erlebe ich, wenn ich zwischen Chemnitz und München pendle. In Chemnitz ist das verfügbare Einkommen pro Kopf schätzungsweise halb so hoch. Dafür bekommt man, bekomme ich in Chemnitz eine wunderbare Altbauwohnung zur Miete schon für fünf Euro pro Quadratmeter. Wer in München kein Geld hat, ist ein Niemand. In Chemnitz führt der Mangel nicht zur gesellschaftlichen Ächtung, da wirken unterschwellig ältere sächsisch-liberale und jüngere sozialistische Traditionen fort. Ich schätze auch das Chemnitzer Stadtbild sehr, das auf ungeübte Augen immer befremdlich wirkt. Was nach Verwahrlosung aussieht, ist stille Reserve. Jede Menge Fläche, die der restlosen kommerziellen Vernutzung einstweilen entgangen ist. Münchens Innenstadt, in der es keinen Winkel gibt, dessen Gestaltung gratis war, finde ich da geradezu beklemmend.

Solche Unterschiede sollte man nicht bedauern, im Gegenteil. Bin ich in München, sehne ich mich nach den Chemnitzer Brennnesseln auf Baubrachen. Man kann Lebensqualität nicht komplett in Zahlenwerk umrechnen. Nur, dass Unterschiede sich nicht zu Ungerechtigkeiten auswachsen, sollte man sich etwas kosten lassen.