Schreie, die durch Mark und Bein gehen, ein Hechtsprung hinters Sofa – der Anblick einer Spinne setzt in manchen Menschen ungeahnte Kräfte frei. Wer ein entspanntes Verhältnis zu den Achtbeinern hat, mag dann den Kopf schütteln und sich wundern.

Oft stoßen Spinnenphobiker auf Unverständnis, immerhin wird ihre Furcht nicht von realer Bedrohung ausgelöst. Darüber sind sich auch die Betroffenen im Klaren, kontrollieren können sie ihre Angst trotzdem nicht. "Relevantes Merkmal einer Phobie ist der Leidensdruck für die Patienten", sagt Georg Alpers, Psychologe an der Universität Mannheim.

Dieser Leidensdruck ist so groß, dass viele Spinnenphobiker Orte meiden, an denen sie die Tiere vermuten: Kellergewölbe, Garagen, Scheunen, Dachböden. Psychologen befassen sich schon lange mit der Arachnophobie, der panischen Angst vor diesen Gliederfüßern.

Aus Gesprächen mit Patienten wissen sie, dass sie die Tiere größer und bedrohlicher wähnen, als das bei anderen Menschen der Fall ist. Nun konnte ein Forschungsteam um Alpers zeigen, dass die Phobiker ihre Umwelt tatsächlich anders wahrnehmen: "Das Besondere an unserem Experiment ist, dass wir wirklich den Wahrnehmungseindruck untersucht haben."

Die Psychologen hatten 21 Arachnophobikern und den Mitgliedern einer Kontrollgruppe jeweils zwei verschiedene Bilder gezeigt. Im Binokular sahen die Probanden auf der einen Seite eine neutrale geometrische Figur und auf der anderen entweder eine Blume oder eine Spinne. Eine solche Situation überfordert unser Gehirn. Die unterschiedlichen Bilder "streiten" im Kopf um Aufmerksamkeit. Manche Menschen nehmen einen Mix aus beiden Bildern wahr, andere abwechselnd das eine oder das andere Objekt. Wann und aus welchen Gründen die Wahrnehmung kippt, ist ungewiss – es sei denn, eines der Motive ist besonders emotional besetzt.

Im Experiment mussten die Probanden durch einen Tastendruck mitteilen, welches der beiden Bilder sie jeweils wahrnahmen. Das Ergebnis: Anders als die Nichtphobiker sahen die Angstpatienten meist die Spinne zuerst, vor der geometrischen Figur. Insgesamt nahmen sie das Tier auch deutlich länger wahr als die Kontrollgruppe. Zeigten die Versuchsleiter anstelle des Spinnentiers Blumen, unterschieden sich die Ergebnisse der Gruppen nicht.

Alle Sinneseindrücke, die auf uns einprasseln, werden vom Gehirn stark gefiltert. Es trennt Wichtiges von Unwichtigem. Bei Spinnenängstlichen hat die Angst aber offenbar einen so starken Einfluss, dass sie schon die primäre Sinneswahrnehmung bestimmt.

Man darf Arachnophobikern also keine Übertreibung unterstellen – ihre Panik ist echt, auch wenn es die Bedrohung nicht ist. Und wer nicht betroffen ist, kann helfen: Nach dem panischen Schrei das Tier einfangen und weit wegtragen. Zum Beispiel in den Keller.