Wir leben leider nicht in einer toleranten Welt. Am Heiligabend starben im Irak 37 Menschen bei Angriffen auf die christliche Minderheit. In Syrien gab es allein in den zehn Tagen vor Weihnachten über vierhundert Tote durch einen Krieg, in dem sich verschiedene islamistische Gruppen befehden. In Ägypten wurde die Muslimbruderschaft plötzlich zur Terrororganisation erklärt, woraufhin die Brüder zu einer "Woche des Zorns" aufriefen.

Religion verursacht auch heute kriegerische Konflikte, und manchmal möchte man zweifeln, ob Religionsgemeinschaften überhaupt fähig sind zu einem friedlichen Miteinander, zu einem Leben in Freiheit und Toleranz.

Von Alexis de Tocqueville stammt der Satz: "Despotismus kommt ohne Religion aus, Freiheit nicht." Dieser Satz wirkt heute provokativ. Herrscht doch bei vielen Zeitgenossen der Eindruck vor, Religion sei eher demokratiefremd und freiheitsfeindlich. Sie sei ein Fremdkörper in einer modernen säkularen Gesellschaft. Religion – je entschiedener und radikaler sie in Erscheinung tritt – sei auf gefährliche Weise vormodern, gewissermaßen Antipode einer offenen Gesellschaft. Der Blick auf die Fundamentalisten weltweit mag diesen Eindruck bestätigen.

Also: Braucht Demokratie wirklich Religion, kommt Freiheit nicht ohne Religion aus? Und wie steht es um die religiöse Toleranz in einer pluralistischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Pluralismus: Das sagt sich so leicht. Gemeint ist die konfliktreiche Pluralität von Überzeugungen, Weltbildern, Wahrheitsansprüchen, Wertorientierungen, Lebensweisen. Wie lässt sich die Vielfalt in unserer Gesellschaft ertragen – ohne Gewalt? Wie sichern wir den Zusammenhalt einer widersprüchlichen Gesellschaft? Die Frage ist offen.

Fest steht: Es geht nicht ohne Toleranz. In einer freien Gesellschaft wird Toleranz überhaupt erst existenziell nötig – im Gesinnungsstaat brauchte man sie nicht. In der Demokratie hingegen mit ihren Differenzen erweist sich Toleranz als notwendige und zugleich anstrengende Tugend, um die man sich sorgen muss – auch wenn Religions- und Meinungsfreiheit verfassungsmäßig garantiert sind.

Erst dann nämlich, wenn aus der obrigkeitlichen Duldung Andersgläubiger ein Recht auf freie Religionsausübung geworden ist, das die Gläubigen wie die Ungläubigen einander als freie Bürger gegenseitig einräumen und anerkennen, erst dann kommt Toleranz zu sich. Jürgen Habermas hat erklärt: Toleranz sei dann gefordert, wenn markante religiös-weltanschauliche Differenzen zwischen Bürgern einer Gesellschaft fortbestünden. Das aber ist unübersehbar die zukünftige Situation in unserem Land, in Europa, auf unserem Globus.

Toleranz ist nicht selbstverständlich. Wie wenig wir uns ihrer sicher sein können, das belegen zahllose Konflikte in den vergangenen Jahren, auch bei uns: Ich erinnere an Auseinandersetzungen um neue Moschee-Bauten, um Karikaturen, um Kopftücher, um Kruzifixe. Mit besonderer Heftigkeit wurde der Streit um die Beschneidung des männlichen Kindes ausgetragen – vor Gericht, an Stammtischen, in den Medien und zu guter Letzt im Deutschen Bundestag.