In dieser Debatte hatten wir es mit einer Güterabwägung zwischen verschiedenen Grund- und Menschenrechten zu tun: dem Recht des Kindes auf körperliche und seelische Unversehrtheit, dem elterlichen Sorgerecht und der Religionsfreiheit. Letztere ist ein umfassendes Menschenrecht. Sie meint Gedanken-, Gewissens- und Weltanschauungsfreiheit und kann in einer pluralistischen Gesellschaft besonders anstrengend sein.

Eine Gemeinschaft kann nicht funktionieren ohne den Respekt vor den Unterschieden. Dieser Respekt ist auch vom Staat zu verlangen. Wollen wir uns daran gewöhnen, dass der Staat darüber entscheidet, was zum Kern der Identität einer Religionsgemeinschaft gehört und was nicht? Nein, das zu entscheiden ist Sache der Religionsgemeinschaft selbst und der Zivilgesellschaft. Der weltanschaulich neutrale Staat vertritt eben keine Weltanschauung. Trotzdem sind kulturelle Eigenarten oder religiöse Praktiken nicht einfach sakrosankt. Auch sie müssen abgewogen, die Gründe gewichtet werden. Der Gesetzgeber hat sich bei Wahrnehmung seiner Schutzpflicht sowohl eines Übermaßes wie auch eines Untermaßes an Regelungen zu enthalten.

Das Parlament hatte in der Debatte über die Beschneidung auch auf die Frage zu antworten: Sollen wir uns daran gewöhnen, dass das Menschenwohl allein in materiellen Dimensionen bestimmt wird, sodass geistige, geistliche und kulturelle Dimensionen ausgeschlossen bleiben? Wer dem folgt, reduziert das volle Freiheitsrecht der Religion auf negative Religionsfreiheit und propagiert Säkularismus als staatlich verordnete Weltanschauung. Das wollten die meisten Abgeordneten des Deutschen Bundestages nicht.

Wenn Freiheit auch die der Andersdenkenden ist, dann darf diese nicht nur von denen definiert werden, die sich selbst zu den Aufgeklärt-Säkularen zählen. Es gibt eine ganze Reihe brisanter Alltagsthemen, bei denen auffällt, dass Toleranz sich auch im demokratischen Staat nicht automatisch einstellt: Antisemitismus, Rassismus, autoritäre Gesinnung, Minderheitenfeindlichkeit verschiedenster Art. Solche Tendenzen hat der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer unter dem Begriff "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" zusammengefasst. Als Ergebnis seiner zehnjährigen Langzeitstudie Deutsche Zustände formuliert er als große Sorge: Toleranzbereitschaft nimmt ab angesichts ökonomischer Unsicherheit, angesichts von Ungerechtigkeits- und Ausgrenzungserfahrungen.

Deshalb ist die Frage nach dem Zusammenhang von Freiheit und Toleranz alles andere als akademisch. Was ist das Verbindende einer pluralistischen Gesellschaft? Für diesen Zusammenhalt reicht es nicht aus, auf das Selbstverständliche hinzuweisen: die gemeinsame Sprache, die Anerkennung von Recht und Gesetz, der Verfassungspatriotismus. Darüber hinaus bedarf es auch Übereinstimmungen in dem, was wir Maßstäbe, Normen, Werte nennen. Es bedarf tendenziell gemeinsamer Vorstellungen von der Freiheit und ihrer Kostbarkeit, von Gerechtigkeit, von Solidarität, gemeinsamer Vorstellungen auch vom guten Leben und der Würde jedes Menschen.

Der Würzburger Rechtsphilosoph Horst Dreier warnt uns: "Es bleibt der schwierige Gedanke auszuhalten, dass der einheitsstiftende Konsens einer pluralen Gesellschaft im Dissens der Positionen nicht seinen Widerpart, sondern seine Grundlage hat." Das heißt: Das ethische Fundament einer gelingenden Demokratie ist nicht ein für alle Mal da, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden. Das ist auch der Sinn des berühmten Satzes von Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er nicht selbst garantieren kann." Wer aber garantiert sie? Wir alle gemeinsam. Die Verantwortung für das Fundament unserer Freiheit tragen alle kulturellen Kräfte einer Gesellschaft – und in besonderer Weise Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Eben weil der Staat des Grundgesetzes weltanschaulich neutral ist, weil er selbst keine Weltanschauung verficht und keine bestimmte Religion favorisiert, ermöglicht er die Religionsfreiheit seiner Bürger. Unser Staat verzichtet auf die cura religionis: "Wessen das Land, dessen die Religion", so lautete einst die Befriedungsformel nach den Konfessionskriegen. Mit dem Verzicht auf ein Weltanschauungsmonopol gibt der säkulare Staat ausdrücklich Raum für die starken Überzeugungen seiner Bürger, die die Zivilgesellschaft prägen und so den Staat tragen. Er ist also kein säkularistischer Staat, der Religion aus der Öffentlichkeit verdrängt, aber er sorgt für Fairness, indem er die Weltanschauungsfreiheit für alle garantiert.

Diese Freiheit enthält zugleich die Aufforderung an die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, aus dem Privaten herauszutreten und den Gemeinsinn mitzuformen. Wie der Staat des Grundgesetzes nicht alles selbst erledigen kann und will, lädt er dazu ein, dass die Bürger aus ihren Überzeugungen heraus und nach gemeinsamen Regeln zusammenwirken, um über alle Unterschiede hinweg das soziale, kulturelle und politische Leben zu gestalten. Mit den Worten von Hans Michael Heinig, Leiter des Kirchenrechtlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland: "Nach unserer Verfassung bestimmt nicht Toleranz, sondern die in der Freiheit aller Bürger wurzelnde Neutralität das Verhältnis des Staates zu den Religionen." Er schlussfolgert: Toleranz ist heute nicht Staatspflicht, sondern Bürgertugend.

Aber was heißt nun Toleranz? Der Begriff ist ja selbst umstritten. Ich halte es mit Rainer Forst, dem Frankfurter Philosophen, der vier Konzepte von Toleranz unterscheidet: 1. Toleranz als Erlaubnis ist eine von oben oder von der Mehrheit großzügig gewährte Duldung. 2. Toleranz als Koexistenz ist ein aus pragmatischen Gründen, um des lieben Friedens willen eingegangenes Verhältnis von ungefähr gleich starken Gruppen und dient der Konfliktvermeidung. 3. Toleranz als Respekt ist eine Beziehung zwischen Gleichberechtigten bei wechselseitiger Anerkennung unterschiedlicher Überzeugungen und kultureller Praktiken. 4. Toleranz als Wertschätzung ist eine Beziehung zwischen Gleichberechtigten, die die Andersartigkeit des anderen positiv bewertet, ohne selbst anders werden zu wollen.

Welche Toleranz ist uns gemäß? Für die Demokratie sei der Respekt angemessen, sagt Forst. "Die Toleranz ist eine hohe Kunst, setzt sie doch voraus, dasjenige zu dulden, mit dem man nicht übereinstimmt. Keine Gesellschaft hat diesen Lernprozess der Ausbalancierung von Gleichheit und Differenz je abgeschlossen." Denn die Toleranz ist ein Paradox: Wie soll ich tolerieren, wovon ich selber nicht überzeugt bin? Wie kann ich für moralisch richtig halten, etwas zu tolerieren, was ich für falsch halte?