DIE ZEIT: Herr Kurer, Ausländer, die in Amerika Prozesse führen, sind verrückt, behauptete ein ABB-Anwalt bei einem Branchentreff in Zürich. Ist das auch Ihre Meinung?

Peter Kurer: Ich kenne nur wenige Ausländer, die die Begegnung mit dem amerikanischen Rechtsstaat als angenehm empfunden haben. Europäer neigen dazu, das amerikanische Rechtssystem als extrem teuer, schikanös und unberechenbar zu empfinden. Aus ihrer Sicht dient es vor allem der Bereicherung der Anwälte in einem Land, wo es zu viele Anwälte gibt. Das sehen übrigens auch viele Amerikaner so.

ZEIT: Und – haben sie recht?

Kurer: Es gibt tatsächlich Urteile, die im klaren Licht normaler Gerichtsbarkeit nicht mehr nachvollzogen werden können. 2012 wurde ein texanischer Banker wegen Betrugs zu 110 Jahren Gefängnis verurteilt. Das ist wesentlich mehr, als er bei uns für Mord mit Vergewaltigung kassiert hätte. Eine große Unberechenbarkeit geht in solchen Fällen von den Geschworenen aus. Unter ihnen sind vielleicht Leute, die ihre Hypothekarzinsen nicht mehr bezahlen konnten, und jetzt haben sie Gelegenheit, es den Banken heimzuzahlen.

ZEIT: Werden Banken exemplarisch hoch bestraft?

Kurer: Nicht nur Banken. Gefährdet sind alle superprofitablen Unternehmen wie etwa Ölgesellschaften und Pharmariesen. Allein im vergangenen Oktober, in einem einzigen Monat, haben die USA 24 Milliarden Dollar Bußen an Großunternehmen verteilt. Darunter sind die holländische Rabobank, die für ihre Libor-Manipulationen beinahe eine Milliarde Buße zahlte, und die JPMorgan Chase Bank, die für faule Hypothekarkredite mit 13 Milliarden Dollar büßte. Die Bußen sind viel höher als in Europa.

ZEIT: Ein Schutz des kleinen Mannes vor der Gier der Großen?

Kurer: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ich vermute aber dahinter vor allem einen Vorwand und eine Waffe, um große, global tätige Gesellschaften zurückzustutzen und den amerikanischen Markt zu schützen. Seit der Westen und der Norden zunehmend ihre wirtschaftliche Vorherrschaft verlieren, fühlen sich die USA in die Enge getrieben und werden aggressiver. Das US-Recht ist in den letzten Jahren deutlich ethnozentrischer geworden, auf die Interessen der USA zugeschnitten.

ZEIT: Warum prozessieren Amerikaner so gerne?

Kurer: Das amerikanische Recht ist klägerfreundlicher als das kontinentaleuropäische. Wer gegen eine große Firma klagt, geht auch als kleiner Mann kein Risiko ein. Sollte er verlieren, muss er den Prozessgegner nicht wie bei uns in Europa entschädigen. Auch braucht es keine handfesten Beweise, um die Klage zu deponieren. Eine vage, ja abstruse Anschuldigung genügt, um die Sache ins Rollen zu bringen. Dabei hofft der Kläger, dass im Laufe der Voruntersuchungen schon noch der rauchende Colt auftaucht, der vorher als Beweisstück fehlte. Die Chancen des Klägers steigen, je mehr Mitstreiter er findet, um eine Sammelklage zu starten.

ZEIT: Warum knicken viele, ins Schussfeld geratene ausländische Firmen ein, bevor der Prozess begonnen hat, obwohl sie gute Karten haben?

Kurer: Amerikanische Anwälte beherrschen die Kunst des naming and shaming. Wochenlang liest die beklagte Firma ihren Namen auf Seite eins der Zeitungen. Politiker machen sich stark gegen ihre Produkte, Verbrauchergruppen protestieren. Die Aktienkurse fallen markant, der Imageschaden scheint irreparabel. Unter diesem öffentlichen Druck bricht schließlich manche Firma ein. So rasch wie möglich unterschreibt sie den Vergleich und akzeptiert die Pauschalbuße. Alles besser als ein Prozess, der jahrelang für Schlagzeilen sorgt, den Ruf unwiderruflich schädigt und astronomische Summen kostet. Dazu kommt die Ungewissheit, ob während der Voruntersuchung nicht doch noch weitere Beweise für die Anklage auftauchen.