DIE ZEIT: Studien zeigen einen Rückgang bei den neu an Demenz Erkrankten in den vergangenen Jahren. Brauchen wir in Zukunft weniger Pflege als befürchtet?

Monique Breteler: Leider wird Pflege doch benötigt. Denn man muss zwei Kenngrößen unterscheiden: Da ist zunächst die Zahl der Menschen, die im Moment an Demenz erkrankt sind. Diese Zahl nennt man Prävalenz. Sie steigt und wird auch in Zukunft weiterhin steigen. Auf diesen Vorhersagen basieren die Planungen für den künftigen Pflegebedarf.

ZEIT: Kann man die Zunahme nicht stoppen?

Breteler: Nein, aber man kann sie bremsen. Der wichtigste Grund für den Anstieg der Demenzzahlen: Wir werden immer älter. Die ständig steigende Lebenserwartung führt nun mal dazu, dass alle Krankheiten, die erst im Alter auftreten, bei immer mehr Menschen diagnostiziert werden.

ZEIT: Bis dann irgendwann ganze Generationen ihren Lebensabend in Pflegeheimen verbringen?

Breteler: Eben nicht! Die neuen Studien haben untersucht, mit welchem Tempo Demenz zunehmen wird. Für diese Vorhersage spielen neben der Prävalenz verschiedene andere Faktoren eine Rolle. Wie viel länger werden die Menschen leben? Und wird der durchschnittliche Erkrankungszeitpunkt sich verändern? Bliebe er gleich, müssten die Menschen wegen der längeren Lebenserwartung Demenz und andere Alterskrankheiten einfach länger aushalten. Das aber beobachten wir gerade nicht.

ZEIT: Man hat aber schon den Eindruck, dass immer mehr Menschen an Herzinfarkt, Krebs oder eben an Demenz sterben.

Breteler: Sterben vielleicht, aber wichtiger ist, was passiert, während sie noch leben. Bei Herz-Kreislauf-Krankheiten, der häufigsten Todesursache in Westeuropa, haben wir in den vergangenen Jahrzehnten gesehen: Die Menschen bekommen viel später im Leben Herzinfarkte. Menschen werden krank, aber wenn dies beispielsweise früher mit 50 Jahren war, geschieht das jetzt erst mit 57. Dieser Zugewinn bedeutet zusätzliche gesunde Lebenszeit. Die Rate neuer Diagnosen für Herzinfarkt und Schlaganfall pro 100.000 Einwohner sinkt für jede spezifische Altersgruppe, weil sich die Erkrankungen in immer höhere Lebensalter verschieben.

ZEIT: Weil aber mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, steigt die Menge der Kranken trotzdem an. Gilt das auch für Alzheimer und Demenz?

Breteler: Ich war an einer der neuen Studien beteiligt, in der wir untersucht haben, ob wir diesen Trend zu mehr gesunden Lebensjahren auch bei Demenz sehen können. Es gab zwei weitere ähnliche Studien in Großbritannien und Schweden. Alle drei haben dieselbe Botschaft: Die Anzahl an Neuerkrankungen bei Demenzen ist in den vergangenen zehn Jahren weniger stark gestiegen als erwartet, weil sich für die altersbedingte Demenz der durchschnittliche Erkrankungszeitpunkt verschoben hat. Wir haben 1990 beobachtet, wie viele Menschen über 65 Jahren die Krankheit neu entwickeln, im Jahr 2000 haben wir das wiederholt. Da war die Lebenserwartung natürlich höher.

ZEIT: Und was zeigte sich?

Breteler: In der Kohorte von 2000 entwickelten die Probanden zwar auch Demenz, aber erst in einem höheren Alter. MRT-Untersuchungen zeigten, dass die Gehirne von Probanden gleichen Alters aus der späteren Kohorte viel gesünder aussahen. In Großbritannien und Schweden ist man zu denselben Schlussfolgerungen gelangt. Das passt auch zu dem, was Sie jeden Tag sehen auf der Straße: Ein 60-jähriger Mann sieht heute viel jünger aus als ein 60-Jähriger vor 30 Jahren.

ZEIT: Die Zahl der Demenzkranken soll sich in den kommenden Jahrzehnten verdoppeln. Sind Ihre Ergebnisse da bereits berücksichtigt?

Breteler: Nein, es müssen auch weitere Faktoren in Betracht gezogen werden. Es wird etwa versucht, die Diagnose früher zu stellen, um eine frühere und damit hoffentlich effektivere Behandlung zu ermöglichen. Gleichzeitig wird dies aber zunächst die Anzahl an mit Demenz diagnostizierten Personen erhöhen.