Der britisch-dänische Konzern Group4Security, kurz G4S, sei, so heißt es auf seiner Website, "der weltweite Marktführer für Sicherheitslösungen". In den vergangenen Monaten kam die international agierende Firma ins Gerede: G4S wurde unter peinlichen Voraussetzungen ein lukrativer Auftrag entzogen. Südafrika hatte die Betreuung der Häftlinge in den Gefängnissen des Landes an den Multi ausgelagert. Doch dann tauchten Anschuldigungen auf, G4S-Personal habe Häftlinge mit Elektroschocks gefoltert und ihnen Psychopharmaka injiziert, wenn sie sich über die Gefängniskost beschwerten. Die privaten Kerkerwärter waren nicht mehr tragbar.

Etwa zur gleichen Zeit wurde auch in Österreich Kritik an der geschäftstüchtigen Firma laut: Die Republik hatte mit G4S einen 15-Jahres-Vertrag über die Betreibung des neuen Schubhaftzentrums Vordernberg in der Steiermark geschlossen – vor dem Hintergrund, dass der Österreich-Chef des Unternehmens einige Jahre zuvor im Kabinett des Innenministers tätig gewesen war (ZEIT Nr. 1/14). Aber auch abseits seines Kerngeschäftes ist der vielseitige Konzern aktiv: In einem spontanen Auftritt, mit dem er eine Jubiläumsfeier des Burgtheaters störte, machte ein Billeteur der Staatsbühne publik, dass der sogenannte Publikumsdienst in den Häusern der Bundestheater an den Sicherheits-Multi ausgelagert worden war. Beim kultivierten Stammpublikum kam die Neuigkeit gar nicht gut an. Nun überlegen die Bundestheater, die personalintensiven Tätigkeiten künftig wieder selbst zu übernehmen.

Der Fall von G4S ist ein gutes Beispiel für einen Wandel, der sowohl in öffentlichen wie auch in privaten Bereichen um sich greift. Nicht allein ökonomische Logik (Leih-Billeteure sind kostengünstiger als Hausbedienstete) und reine Zweckmäßigkeit sollten künftig das Denken von Entscheidungsträgern bestimmen, sondern zunehmend kommt ethischen Codes Bedeutung zu. Man kann vermutlich von einer Rückkehr der Werte sprechen.

Das ist auch die Haupterkenntnis aus der Arena Analyse 2014. Seit nunmehr sieben Jahren bittet die ZEIT gemeinsam mit der Wiener Unternehmensberatung Kovar & Partners eine Gruppe von Experten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft um ihre Einschätzung, welche Trends das Geschehen des kommenden Jahres prägen und welche noch nicht offensichtlichen Probleme zu lösen sein werden. In großer Übereinstimmung meinten diesmal die rund 40 Teilnehmer an der Befragung, künftig dürften sich Wirtschaft und Politik nicht nur an den Kriterien Effizienz, Eigeninteresse oder Machterhalt orientieren. Die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die viele Gewissheiten infrage gestellt hatte, scheinen zu einem großen Teil verarbeitet zu sein. Auch die schlimmsten Auswirkungen der anschließenden Euro-Krise wirken bewältigt, und die Turbulenzen in dem gemeinsamen Währungsraum werden nun zunehmend als kontrollierbar beurteilt. Insgesamt steht das europäische System offensichtlich nicht mehr kurz vor dem Abgrund.

Auf dieser Basis sehen die Teilnehmer der Arena Analyse, welche die Mechanismen von Wirtschaft und Politik aus der Nähe kennen, aber kein politisches Amt (mehr) innehaben, eine Entwicklung, in der als altmodisch geltende Werte sowohl in der Wirtschaft wie im öffentlichen Leben an Bedeutung gewinnen: Gemeinwohl zähle mehr als kalte Einkommensmaximierung, Wertschätzung der Arbeitnehmer und auch ökologische Faktoren würden in nächster Zeit wichtiger. "Welche Formen von Ökonomie sind noch tragbar?", fragt sich ein Teilnehmer der Arena Analyse, dem, wie allen anderen, Anonymität zugesichert wurde. Ähnliches gelte auch für die Politik: "Es gibt ein großes Bedürfnis nach einer Politikgestaltung, die stärker werteorientiert, aber nicht ideologisch ist", diagnostiziert ein anderer Teilnehmer.

Die Experten denken dabei nicht an das missionarische Auftreten von Angehörigen der Gutmenschen-Fraktion, die sich selbst moralische Überlegenheit attestieren und nicht verstehen können, warum der Rest der Welt nicht ihren moralischen Handlungsanleitungen folgt. Vielmehr geht es darum, dass Politik und Wirtschaft bestimmte Werte mehr berücksichtigen. Nach Meinung der Experten werden das Entscheidungsträger auch verstärkt tun, weil Konsumenten und Wähler neue Ansprüche in diese Richtung stellen. So entsteht Akzeptanz, ob es sich nun um Produkte und Dienstleistungen oder um politische Weichenstellungen handelt.