Am Tag, als sich Celestine Kpakou fertig macht, um in ihr altes Leben zurückzureisen, wirft sie einen schmuddeligen Koffer auf ihr Bett. Sieben Jahre hat sie auf diesen Tag gewartet, hat ihn herbeigefleht in ihren nächtlichen Gebeten, wenn sie wach lag, oder wenn sie Hunger hatte oder Sehnsucht nach den Freunden, ihrem Vater oder einfach nur nach einem Döner, und jetzt ist dieser Tag endlich da, und sie erschrickt, als sie den Koffer öffnet, um mit dem Packen zu beginnen.

Celestine tritt einen Schritt zurück. Sie faltet ihre Arme vor der Brust, und ihre Augen wandern über das Gepäckstück. Durch die halb geöffneten Lamellen fällt das schwache Morgenlicht auf ihr hübsches, ebenmäßiges Gesicht. Draußen im Hof dudelt aus einem Radio afrikanischer Reggae.

"Schon komisch", murmelt sie. "Ausgerechnet dieser Koffer. Das ist derselbe, mit dem ich damals hergekommen bin. Ich hatte Winterjacken eingepackt. Für Afrika! Wie dämlich war das denn!"

Zwanzig Minuten ließen ihr die Polizisten damals, im September 2006, als sie ernst machten mit der Auffassung der deutschen Behörden, dass Celestines Heimat nicht in Deutschland ist, sondern in Togo, Westafrika. Es war fünf Uhr in der Frühe, Scheinwerfer waren auf das Haus in dem kleinen hessischen Ort Cölbe gerichtet, in dem Celestine mit ihrer Familie seit 13 Jahren lebte. Es musste schnell gehen, und wie in Trance stopfte sie ein paar Sachen in den Koffer, dicke Jacken, Wollpullover, ihren Stoffhund, als wäre sie nur mal eben weg auf Klassenfahrt, Kartoffelferien in der hessischen Provinz. Das Gefühl zu sterben kam erst später.

Ein Aufschrei ging damals durch die Region. Freunde zogen mit Protestplakaten vor das Marburger Rathaus, die Zeitungen schrieben, dass man eine Familie nicht mal eben so verpflanzen könne, nicht nach so langer Zeit. An Bord des Abschiebecharters waren neben Celestine, ihren Schwestern Joyce, Belinda und Rebecca und ihren Brüdern Richie und Kokou noch 26 weitere Afrikaner aus ganz Europa. Ihre Mutter, ihr kleiner Bruder Panajotis, der in Deutschland auf die Welt gekommen war, sowie ihre Schwester Gertrud und deren einjährige Tochter Naomi wurden mit einer Linienmaschine ausgeflogen. Man wollte den Kleinen die traumatisierende Erfahrung der ersten von einer deutschen Ausländerbehörde organisierten Sammelabschiebung ersparen (ZEITmagazin Nr. 3/08). Aufgrund einer Krankheit wurde Celestines Vater nicht abgeschoben, er blieb.

Celestine war 19 damals, ein stilles, zielstrebiges Mädchen, für das am Ende dieses Sommermärchensommers das letzte Jahr in der Realschule angebrochen war. Nach dem Abschluss wollte sie eine Ausbildung als Zahnarzthelferin beginnen, in der Praxis, wo sie hospitiert hatte, und sie träumte von einem Urlaub in der Karibik. Togo, die Heimat ihrer Eltern, kannte sie nur noch aus dem Fernsehen. Kurz vor ihrer Abschiebung lief auf Sat.1 eine Survival-Doku-Soap, Wie die Wilden – Deutsche im Busch. Celestine und ihre Schwestern lachten über diese Berliner Familie, die man in Togo bei einem Stamm ausgesetzt hatte, wo sie Hundefleisch essen und ihre Tochter verkaufen sollte. Doch nun konnten die Kpakous, anders als die Menschen im Fernsehen, nicht nach zwei Wochen einfach aufgeben und in einen Flieger steigen, der sie nach Hause bringt. Deutschland und Europa haben einige Hürden eingezogen, die den Weg zurück versperren. Wer abgeschoben wurde, muss den Behörden bei der Wiedereinreise die Kosten seiner Abschiebung erstatten, in der Regel rund 10.000 Euro. Zudem gilt für den Schengen-Raum ein fünfjähriges Einreiseverbot.

Celestine öffnet den Schrank. Sie langt nach ein paar bunten Tüchern und schichtet sie in ihren Koffer, dessen Anblick immer mehr verstaubte Bilder aus der Vergangenheit aufwirbelt.

"Ausgelacht haben uns die Menschen hier", sagt sie. "Als Versager, die es in Deutschland nicht geschafft haben. Die mit nichts als Wintersachen kamen und nicht mal ihre Sprache konnten."

Afrika war keine Survival-Doku-Soap, es war ein Zeitloch, das die Jahre verschluckte. Celestine ist mittlerweile 26, eine junge Frau, der die alten Kleider nicht mehr passen, weil das afrikanische Essen zu fettig ist. Während sie auf Facebook mitbekam, wie das Leben ihrer Freunde Fahrt aufnahm, hockte sie in einer dunklen Klitsche in Togos Hauptstadt Lomé an einer Nähmaschine und lernte schneidern. Ihre Freunde posteten Babyfotos, Bilder von Konzerten, Kinoabenden, Einfamilienhäusern, Celestine verkaufte manchmal über Monate kein Kleid. Ihre Miete finanzierte ein Unterstützerkreis aus Deutschland, eine Gruppe ehemaliger Nachbarn und Lehrer.