Wird Angela Merkel diese Schlagzeile wirklich riskieren? Das ist jetzt die spannende Frage. So groß ist die Aufregung darüber, dass der ehemalige Kanzleramtschef Ronald Pofalla als Lobbyist in den Bahn-Vorstand einrücken soll, und so heftig die Kritik, dass der Wechsel nur noch möglich scheint, wenn der Eigentümer der Bahn ihn unbedingt durchsetzen will. Merkel setzt Pofalla durch – diese Schlagzeile müsste die Kanzlerin schon in Kauf nehmen. Doch Merkel kann so etwas nicht gebrauchen. Und das spricht gegen Pofallas Eintritt in den Bahn-Vorstand.

Wenn ein Politiker bei einem Unternehmen anheuert, ist das immer von Schlagzeilen begleitet. So war es, als der hessische Ministerpräsident Roland Koch zum Baukonzern Bilfinger Berger wechselte. Oder als der Merkel-Vertraute Eckart von Klaeden ankündigte, als Cheflobbyist zum Autohersteller Daimler zu gehen. Die Debatte drehte sich um Karenzzeiten und die mögliche Verquickung von Interessen, und immer ging es vor allem um eine Frage: Darf der das?

Der Fall Pofalla dagegen entwickelt sich mehr und mehr zur Farce.

Nachdem die erste Empörungswelle durchs Land geschwappt ist, stellen alle Empörten – Aufsichtsräte, Bahnexperten, Medien – nun erst einmal fest, wie wenig sie eigentlich wissen. Man weiß nicht, ob Pofalla schon im Frühjahr zur Bahn hätte wechseln sollen (was einen ziemlichen Beigeschmack hätte) oder erst nach einer längeren Karenzzeit (was viele Kritiker beruhigen würde). Niemand kennt bisher Vertragsdetails oder die Rahmendaten.

Wahrscheinlich gibt es sie noch gar nicht. Und Ronald Pofalla antwortet nicht auf Anfragen, nicht auf die von aufgebrachten Parteifreunden und auch nicht auf die von Journalisten. Bahn-Vorstandschef Rüdiger Grube wiederum schwieg zunächst und verschickte dann am Dienstag dieser Woche eine gemeinsame Presseerklärung mit seinem Aufsichtsratschef Utz-Hellmuth Felcht, wonach der Aufsichtsrat im vergangenen Herbst den Vorstand "gebeten" habe, bis Ende März 2014 "einen Personalvorschlag zu unterbreiten". Dabei hatte Chefaufseher Felcht noch zwei Tage zuvor, am vergangenen Sonntagabend, eine Erklärung verbreiten lassen, wonach der Aufsichtsrat von der ganzen Sache nichts wisse. Das war ein maximaler Affront gegen Grube und, vor allem, die größtmögliche Distanzierung von Pofalla: Wer so reagiert, kann die Personalie nicht wollen.

So seltsam sich das Ganze entwickelt, so klar ist eines: Die Nachricht über den geplanten Wechsel Pofallas wurde gezielt durchgestochen – um diesen zu verhindern oder wenigstens eine Kompensation dafür zu bekommen, dass der CDU-Mann bei der Bahn anheuert. Der ehemalige Kanzleramtsminister ist nicht irgendeine Personalie und die Deutsche Bahn nicht irgendein Unternehmen. Im Staatskonzern gibt es mehr Ränkespiele, mehr politische Interessen, mehr Einflüsterer als anderswo. Und so ist dies auch ein Lehrstück über Macht und Einfluss und den Nutzen von Gerüchten.

Schon länger wusste man, dass Bahn-Chef Grube einen starken Lobbyisten für die Arbeit in Berlin und Brüssel sucht. Grube selbst fühlt sich damit überlastet, will sich mehr ums operative Geschäft kümmern. Und der bisherige politische Beauftragte der Bahn, Georg Brunnhuber, geht in diesem Jahr in den Ruhestand. Grube, so berichtet es ein Aufsichtsrat, sei schon vor Monaten auf Pofalla zugegangen und habe ihm eine Aufgabe bei der Bahn in Aussicht gestellt.

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Ende November, noch während der Koalitionsverhandlungen, unterrichtete Pofalla dann die Kanzlerin über seine Pläne. Angela Merkel riet Pofalla, eine "zeitliche Distanz" zu seiner Tätigkeit im Kanzleramt zu wahren. Es heißt, sie sei ganz froh darüber gewesen, dass ihr Amtschef versorgt zu sein schien und sie sich über ihn keine Gedanken mehr zu machen brauchte. Merkel informierte auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer.

Bis vor einer Woche wäre der Plan vielleicht aufgegangen. Bahn-Chef Grube und Aufsichtsratschef Felcht hätten in den kommenden Monaten öffentlich erklärt, dass sie einen neuen Posten für politisches Lobbying schaffen würden. In seiner regulären Sitzung im März hätte der Aufsichtsrat dann Pofalla für den Posten vorgeschlagen. Der hätte sich erst Bedenkzeit ausbedingen und sein Bundestagsmandat niederlegen können, um dann, nach einer angemessenen Zeitspanne, zur Bahn zu wechseln. Die ganz große Empörung wäre ausgeblieben. So hätte es laufen sollen.

Doch so lief es nicht. Absprachen zwischen Politikern – und seien es sogar Parteivorsitzende – halten in Berlin meist nicht sehr lange. Und erst recht nicht, wenn sie die Bahn betreffen. Sie ist der letzte große Staatskonzern in diesem Land, und wenn ein Vorstandsposten mit jemandem besetzt werden soll, der einer Partei angehört, dann kommen neben den persönlichen Fehden auf einmal auch politische Interessen ins Spiel. Dann geht es darum, jemanden vielleicht zu verhindern. Oder – wenn er sich nicht verhindern lässt – den größten Nutzen daraus zu schlagen.