Mehrere Staffeln B-2 Doppeldecker aus dem Ersten Weltkrieg im Formationsflug (undatiertes Archivfoto) © dpa

Als 1990 der Kalte Krieg endete, der die Welt in zwei übersichtliche Blöcke geteilt hatte, trat Europa zum ersten Mal seit fünfzig Jahren aus dem Schatten des Zweiten Weltkriegs heraus – aber nur um sich unversehens im Schatten des Ersten Weltkriegs wiederzufinden. Die blutige Auflösung des einstigen Jugoslawiens zeigte, was unter der brüchigen Nachkriegsordnung von 1945 lag: die ebenso brüchige Nachkriegsordnung von 1918.

Die 1918 geschaffene Tschechoslowakei zerlegte sich 1992 sogleich wieder in Tschechien und die Slowakei. Die Ukraine, als Staat ebenfalls eine Kunstschöpfung des Kriegs, zeigt sich heute zwischen Europa und Russland zerrissen. Ungarn hadert wieder mit dem Verlust von zwei Dritteln seines Staatsgebietes, die ihm 1918 genommen wurden. Und selbst noch der Bürgerkrieg in Syrien oder die vergeblichen amerikanischen Interventionen im zerfallenden Irak zeugen bis heute von den bedenkenlosen Grenzziehungen unter den Siegern des Ersten Weltkriegs, die sich um Konfessionen und Kulturen, um Schiiten, Sunniten und Christen nicht scherten.

Der Zweite Weltkrieg, so schrecklich, so beispiellos mit seinen deutschen Verbrechen er war, ist heute zu Ende – unvergessen, aber politisch überwunden. Der Erste Weltkrieg dagegen lebt – in der Hinterlassenschaft seiner Friedensverträge. Des Ersten Weltkriegs zu gedenken ist keine akademische Übung, kein bloßer Volkstrauertagsanlass. Es ist eine politische Aufgabe – eine Notwendigkeit, vor die die Politik auch den Geschichtsvergessenen stellt.

Die Kriegführenden blieben in ihrer eigenen Propaganda gefangen

Was war dieser Krieg? In den Konsequenzen und im Kern? Was hat er gebracht, über den Untergang der alten Monarchien hinaus, den optimistische Historiker als Sieg des Westens und der Demokratie feierten? Wie lässt sich damit das unvorstellbare Grauen verstehen, das der Krieg schon innerhalb weniger Wochen nach seinem Ausbruch im August 1914 entfaltete? Wie die Bestialität begreifen und ihr schreiender Gegensatz zu der leichtfertigen, fast schusseligen Diplomatie, die dem Krieg vorausging? Lässt sich aus dem moralischen und militärischen Debakel überhaupt mehr gewinnen als eine Mahnung für die Gegenwart?

Der Rückblick aus hundert Jahren Abstand, der eine Flut neuer historischer Forschungen und Betrachtungen anregte, hat die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan) auf eine bemerkenswerte Weise von Fragen der Schuld, insbesondere einer deutschen Alleinschuld, befreit und sie entideologisiert, man könnte fast sagen: entpolitisiert. Als die Bundesrepublik im Oktober 2010 die letzte Rate (200 Millionen Euro) der Reparationen zahlte, die Deutschland im Frieden von Versailles auferlegt worden waren, nahm die Öffentlichkeit schon keine Notiz mehr davon. Die Kriegsschuldfrage ist einer fast einmütigen, überwältigend resignierten Einsicht in ein gesamteuropäisches Eliteversagen gewichen. Die beteiligten Politiker, allesamt, drohten nur mit dem Krieg, spielten mit dem Krieg – ohne ihn vielleicht wirklich zu wollen. Der australische Forscher Christopher Clark hat für sie den Begriff der "Schlafwandler" geprägt (so der Titel seines Buches).

Wenn sie denn schlafwandelten, hätten sie allerdings auch früh Gelegenheit gehabt aufzuwachen. Der Charakter der Materialschlachten, die Feuerkraft nicht in Geländegewinn umsetzen konnten, nur in eine nie zuvor gekannte Zahl von Toten, offenbarte sich augenblicks. Wenige Monate nach Ausbruch, nach der Niederlage an der Marne, legte der deutsche Generalstabschef Falkenhayn dem Kaiser ein Memorandum vor, dass der Krieg nicht zu gewinnen sei und unverzüglich nach einer politischen Verhandlungslösung gesucht werden müsse.

Dazu kam es nicht und auch nicht vonseiten anderer Regierungen, die später und undeutlicher formulierte, im Kern ähnliche Einschätzungen zu hören bekamen. Der Grund war allerorten derselbe: Man konnte nicht hinter die Hasspropaganda zurück, die inzwischen angelaufen war, die Rache und fabelhafte Siegesprämien versprach. Unvergessen ist der Hassgesang gegen England des Dichters Ernst Lissauer, von dem nach dem Krieg niemand mehr wissen wollte.

Aber im Krieg blieben Politiker und Militärs eisern. Für die vergebliche Eroberung des türkischen Gallipoli opferten die Engländer 110.000 Mann; kurz bevor die begleitende Seeschlacht an den Dardanellen verloren ging, soll Churchill gerufen haben: "Das ist der Sieg, das ist die Geschichte!" Der Propagandawahn bildete den Hintergrund des erschütternden Gedichts, das der Dichter Rudyard Kipling auf den Grabstein seines gefallenen Sohnes setzen ließ: "Wenn Leute fragen, warum wir gestorben sind / Sage ihnen: weil unsere Väter gelogen haben".

Die Verbindung von Lüge und Krieg kennen wir bis heute. Es sind bis dato überhaupt kaum Lehren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen worden, auch nicht aus der Praxis demütigender Friedensschlüsse, die Revanchegelüste provozieren. Nur dass der Brite John Maynard Keynes recht hatte, als er von der Zerschlagung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn, Russland und Türkei vor allem eines erwartete: die Entstehung "habgieriger, eifersüchtiger, unreifer und wirtschaftlich unselbstständiger Nationalstaaten". Mit ihnen müssen wir uns in der Tat heute am Rande Europas ebenso herumschlagen wie im Nahen Osten. Der Erste Weltkrieg war mehr als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts – er war die Urkatastrophe der Moderne.

In einer früheren Version dieses Artikels stand fälschlicherweise, John Maynard Keynes sei Amerikaner.  Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. // Die Redaktion

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