DIE ZEIT: Frau Stamm, Sie sind emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften und haben selber zwei erwachsene Kinder. Was für eine Mutter waren Sie?

Margrit Stamm: Ich würde mich als mittelmäßig gute Mutter sehen. Kürzlich haben wir, mein Mann und ich, mit den Kindern darüber gesprochen. Diese finden, dass wir zwar nicht besonders gute, aber auch nicht schlechte Eltern waren. Ausreichend gut, das schon. Aber wir haben selbstverständlich Fehler gemacht.

ZEIT: Welches waren Ihre größten Fehler?

Stamm: Wir haben, wie es damals verbreitet war, unsere Kinder sehr stark zur Selbstverantwortung erzogen. Kinder, denen man wenig Grenzen setzt, kann man jedoch auch überfordern.

ZEIT: Was ist falsch daran, die Kinder zur Selbstverantwortung zu erziehen?

Stamm: Im Grundsatz natürlich gar nichts. Es kann aber dann zur Überforderung werden, wenn man die Kinder sich selbst organisieren lässt. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Eltern ihr Kind zum Judo oder Ballett gehen lassen, von ihm aber lediglich fordern, dass es auch die Hausaufgaben macht. Das reicht nicht. Es ist die Aufgabe von Eltern, dies auch zu kontrollieren und durchzusetzen.

ZEIT: Wären Sie heute autoritärer?

Stamm: Unbedingt. Aber damals, in den 1980er und 1990er Jahren, standen Autonomie und die Selbstverwirklichung des Kindes im Zentrum. Wie bei jeder Elterngeneration ging es auch bei uns darum, anders zu sein als unsere eigenen Eltern. Viele von uns waren Kinder der sogenannten schwarzen Pädagogik. Selber habe ich Angst und Strafe und körperliche Züchtigung erlebt. Unser Ideal war die angstfreie, gewaltfreie, straffreie Erziehung. Strafen hatte damals einen miserablen Ruf. Also haben wir unsere Kinder nie gestraft. Auch das war vielleicht ein Fehler.

ZEIT: Würden Sie heute strafen?

Stamm: Ja. Wenn man will, dass ein Kind lernt, Regeln einzuhalten, dann kommt man nicht darum herum, es Konsequenzen spüren zu lassen. Diese müssen aber in direktem Zusammenhang zur Sache stehen, um die gestritten wird, und für das Kind nachvollziehbar sein.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Stamm: Zunächst sollten Eltern mit dem Kind Regeln und Konsequenzen vereinbaren, zum Beispiel, dass das Hobby nur zum Zug kommt, wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Ist dies nicht so, sollten sie ihm das Judo- oder Ballett-Training für dieses eine Mal verbieten. Aber das ist leichter gesagt als getan. Denn auch Eltern müssen die Strafe aushalten – nicht nur das Kind.

ZEIT: Warum ist das so schwierig?

Stamm: Weil wir Angst haben, dass uns das Kind nicht mehr liebt. Und weil es extrem mühsam ist, ein Kind zu ertragen, das herzzerreißend weint. Aber dass wir uns recht verstehen: Ich halte nichts von den Ideen eines Bernhard Bueb, der sich für Drill und Gehorsam starkmacht. Ich plädiere für eine gewaltfreie Erziehung, die Konsequenzen braucht, damit man lernt, sich an Normen und Regeln zu halten.

ZEIT: Welches ist die schlimmste Strafe?

Stamm: Schlimmer noch als körperliche Strafen, die ich vehement ablehne, ist der Liebesentzug. Leider eine häufig praktizierte Form des Strafens. Eltern, die zwei, drei Tage nicht mit ihrem Kind sprechen, das ist grauenhaft.

ZEIT: Ihre Generation hatte klare Vorstellungen, wie gute Erziehung aussieht. Nun sind wir an der Reihe, die Kinder der Multioptionsgesellschaft. Wir haben gelernt, dass alles möglich, nichts zwingend und schon gar nichts sicher ist.

Stamm: In der Tat, die heutigen Eltern leben in großen Unsicherheiten. Alles ist unbeständig, Job, Partnerschaften und der Wohnort können rasch wechseln, und sogar in Sachen Religion sind wir flexibel. Da kann es sein, dass ein Kind die einzige Konstante im Leben von Eltern ist. Dieses wird mit einer abgöttischen Liebe umsorgt, um alles in der Welt will man nichts falsch machen – und macht gerade darum vieles falsch. Hinter jeder Erziehungshandlung lauert die Angst. Man gerät in einen Teufelskreis, der dem Kind letztlich nicht guttut.

ZEIT: Hatten Sie keine Angst, etwas falsch zu machen?

Stamm: Selten. In unserer Generation waren wir überzeugt davon, dass unsere Ansichten und unser Stil richtige sind. Und auch wenn sich im Nachhinein nicht alles als richtig erwiesen hat, so hatte diese Sicherheit etwas Gutes: Sie hat den Kindern Halt gegeben.

ZEIT: Wollen heutige Eltern ihre Kinder überhaupt erziehen?

Stamm: Das ist eine gute Frage. Das Kind steht in der Mitte der Gesellschaft, es ist die Sonne, um die sich alles dreht. Der Anspruch ist riesig, dass sich die Eltern nach seinen Bedürfnissen richten und alles tun, damit es seine Talente und Möglichkeiten entfalten kann. Das führt dazu, dass sich Eltern nicht mehr getrauen, dem Kind etwas zuzumuten, was ihm nicht gefällt. Und so entstehen absurde Situationen wie diese, die mir neulich eine Krippenleiterin erzählt hat: Ein entnervter Vater bringt sein schreiendes Kind im Pyjama in die Krippe, weil es ihm nicht gelungen ist, es anzuziehen.