Vor drei Jahren bemalte die amerikanische Künstlerin Candy Chang an einer Straßenecke in New Orleans ein altes Haus mit Tafelfarbe. Sie ließ die Farbe trocknen und schrieb achtzig Mal einen halben Satz darauf: Before I die I want to... ("Bevor ich sterbe, will ich ..."). Hinter jedem Halbsatz ließ sie eine Lücke. Dann schraubte sie eine Kiste mit bunten Kreidestücken an die Wand und wartete.

Am nächsten Tag waren alle Lücken gefüllt. Passanten hatten in die Kreidekiste gegriffen und an die Wand geschrieben, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, bevor es zu Ende geht:

Bevor ich sterbe, will ich Trompete lernen.

Bevor ich sterbe, will ich Pilot werden.

Bevor ich sterbe, will ich sieben Kinder haben.

Bevor ich sterbe, will ich den Tadsch Mahal sehen.

Bevor ich sterbe, will ich eine Theorie entwickeln.

Das verwitterte Eckhaus in New Orleans war der Beginn einer weltweiten Kunstaktion. Mehr als 400 Wände in mehr als 60 Ländern wurden inzwischen beschriftet, in den USA und in China, in Indien und in Neuseeland, in Israel und im Irak, in Deutschland und in Kasachstan. 400 Wände voller Wünsche.

Aber wann fängt man an, sich diese Wünsche zu erfüllen? Heute? Morgen? Im neuen Jahr? Irgendwann?

Aus den beschrifteten Wänden spricht das Verlangen, etwas mit sich anzufangen. Der Drang, dem eigenen Leben etwas hinzuzufügen, was darin fehlt. Man begegnet diesem Bedürfnis nicht nur in den Kunstaktionen von Candy Chang, man stößt darauf in jeder Buchhandlung. Dort sind die Regale voll von Ratgebern für Menschen, die noch mal ganz von vorn anfangen wollen. Lieber spät als nie – Mut zum Neuanfang heißen diese Bücher, Neuanfänge – Veränderung wagen und gewinnen und Ändere dein Leben – erfinde dich neu!.

Es gibt Kurse, die man buchen kann, wenn man sein Leben ändern möchte und nicht weiß, wie man es anstellen soll. Es gibt Coachs, die dabei helfen, Neujahrsvorsätze nicht nur zu fassen, sondern auch einzuhalten. Es gibt Psychologen, die Therapien verordnen, wenn man mit sich nichts anzufangen weiß. In Frauenzeitschriften gehört der Neuanfang zum Standardrepertoire. Die Neuanfangsbranche ist ein Wachstumsmarkt.

Die beliebteste Weisheit dieser Branche kommt nicht von einem Psychologen oder einem Coach, sie kommt von Hermann Hesse: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" – die Schlüsselzeile aus Stufen, dem beliebtesten Gedicht der Deutschen, wie eine Umfrage des Westdeutschen Rundfunks ergab. Abiturienten und Politiker zitieren das Gedicht in ihren Reden, Manager in ihren Strategiebesprechungen und Pfarrer in ihren Neujahrspredigten. René Obermann, der inzwischen ausgeschiedene Chef der Deutschen Telekom, wurde kürzlich im ZEIT- Interview gefragt, warum er den Konzern verlasse. Er verwies auf Hesses Stufen.

Nachdem wir vor einiger Zeit unsere Leser aufgerufen hatten, uns für dieses Dossier Geschichten von Anfängen zu erzählen, bekamen wir weit mehr als hundert Zuschriften. Die Leser schrieben in ihren Briefen und E-Mails von Momenten, in denen ihr Leben eine Wendung nahm. Von Anfängen, die sie bis heute nicht vergessen haben. Auch sie zitierten Hesses Stufen.

Der Zauber, den Hesse in seinem Gedicht beschwört, ist die Sehnsucht nach Veränderung, die Lust am Neuen, der Reiz des Unbekannten. Doch irgendwann zwischen dem Jahr, in dem Hermann Hesse starb (1962), und dem Jahr, in dem Candy Chang ihren ersten Kreidekasten an eine Hauswand schraubte (2011), ist etwas Seltsames passiert. Der Zauber hat an Kraft verloren. Er ist verblasst.

Wenn ein durchschnittlicher Deutscher im Jahr 1962 seinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieb, dann blieb er bis zur Rente in seinem Betrieb. Wenn er eine Frau heiratete, dann, um mit ihr sein Leben zu verbringen. Wenn er ein Haus baute, dann, um darin alt zu werden. Wenn er einen Fernseher kaufte, dann hielt der eine ganze Weile. Die Welt war geprägt von Stetigkeit, vielleicht auch von Eintönigkeit, in jedem Fall aber waren Anfänge eher die Ausnahme als die Regel.