Als er den Konferenzraum eines Luxushotels in Berlin-Mitte betritt, mit gesenktem Blick und tigerhaftem Gang, wirkt er wie ein Boxer vor dem Kampf. Angespannt, auf dem Sprung, in Abwehrstellung. Warum eigentlich? Steve McQueen ist der Mann der Stunde. Sein neuer Film 12 Years a Slave, der auf der Leinwand zum ersten Mal die psychologischen Abgründe und die buchstäblichen Schwarz-Weiß-Schattierungen der Sklaverei zeigt, löste in den USA eine heftige Debatte über den Umgang mit der eigenen Geschichte aus. Bei der Anfang März anstehenden Oscarverleihung gilt der Film als einer der Favoriten. Auch als bildender Künstler hat der Brite, in dessen Arbeiten der menschliche Körper immer wieder zum Austragungsort des Gesellschaftlichen wird, so ziemlich alles erreicht, was es zu erreichen gibt: Er gewann den renommierten Turner Prize, um seine Videoarbeiten, Installationen und Fotografien reißen sich Museen und Sammler. Kurz: Steve McQueen könnte ruhig ein bisschen entspannter sein.

"Wohin soll ich mich setzen?", fragt, nein blafft McQueen angesichts des gefühlte zehn Meter langen Konferenztisches. Wie wäre es, wenn er sich an die eine Seite und die Journalistin ans ganz andere Ende setzte? Auf McQueens Gesicht erscheint so etwas wie die Ahnung der Andeutung eines Lächelns. Wir setzen uns übereck.

Als 12 Years a Slave im vergangenen Herbst in den USA ins Kino kam, hinterfragte der Film das Selbstbild der Nation: Amerika, Hort der Freiheit und Demokratie? Der Film skizziert eine Gesellschaft, die entsetzlichsten Gräueltaten entstiegen ist. Die New York Times bescheinigte ihm ein geniales Beharren auf dem banal Bösen. Der Rolling Stone beschrieb ihn als ein Pulverfass, das man nicht in einer Ecke seines Verstandes abstellen könne.

12 Years a Slave erzählt die auf Tatsachen beruhende Geschichte des Geigenspielers Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), der 1841 als freier Mann und Familienvater in Saratoga Springs, New York, lebt, von Sklavenjägern entführt und an einen Plantagenbesitzer in Louisiana verkauft wird. Zwölf Jahre lebt er in Gefangenschaft.

Durch diesen Gehrock und Weste tragenden Musiker, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem schmucken Haus lebt, durch diese Figur eines Farbigen, die man in dieser selbstverständlichen Bürgerlichkeit noch nie im Kino gesehen hat, bekommt die Sklaverei plötzlich eine andere Unmittelbarkeit – ein Amerikaner wird von Amerikanern inmitten von Amerika gekidnappt. "Afrikaner, die in Ketten in die USA gebracht werden, gab es oft im Kino", sagt Steve McQueen. "Aber zehn Prozent der Afroamerikaner, die damals in Amerika lebten, waren freie Menschen. Nachdem es keinen Sklavenhandel mehr mit Afrika gab, wurde es ganz normal, Farbige aus dem Norden in den Süden zu entführen."

Erstaunlich, dass der Sklaverei-Film eines farbigen Briten in den USA für eine Art kulturelle Katharsis sorgt. McQueen hat sich stets geweigert, sich als Künstler über seine Hautfarbe zu definieren ("Wenn ich auf den Boden spucke, ist das schwarze Spucke oder einfach Spucke?"). Und wohl, weil er zu seinem Thema eine gewisse Distanz hat, kann er es so gegenwärtig erzählen. Er sucht nicht die Abgeschlossenheit des Historienfilms, nicht das Plusquamperfekt der Schulbücher, in dem etwa die 1977 entstandene Miniserie Roots gedreht wurde. Im Rückblick wirkt sie wie ein Abenteuer, erzählt im epischen Atem der Verdrängung. "Die meisten Amerikaner waren einfach zutiefst beschämt über diesen Teil ihrer Geschichte", sagt Steve McQueen. "Die Sklaverei war eine gigantische Peinlichkeit, vor der man die Augen verschloss. Man kehrte dem, was sie wirklich bedeutete, den Rücken zu: dass es in diesem Land Millionen Menschen gab, die gezwungen waren, sich als Untermenschen zu fühlen."

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Beim Sprechen fixiert McQueen die Tischplatte. Er redet schnell, nuschelt, sodass er manchmal kaum zu verstehen ist. Hin und wieder verfällt er kurz ins Stottern. Seinen Rücken hält er nach vorne gekrümmt, wie zum Schutz. Dadurch wirkt sein kompakter Körper noch massiver. Auch der Künstler Steve McQueen scheint ein Kämpfer zu sein. Einer, der die Kamera, den Raum und die Körper in eine immer auch politische Beziehung setzt. Er filmt Männer, die ihre Körper zur politischen Waffe machen wie in dem IRA-Film Hunger oder die darin gefangen sind wie der sexsüchtige Held von Shame. Es sind physische Filme, in denen die Kamera manchmal wie ein Sparringpartner wirkt, der den Figuren zu Leibe rückt. Dann wieder schafft sie in langen Einstellungen Raum für ihre angeschlagene Körperlichkeit. McQueen setzte auch seinen eigenen Körper ein, indem er für das Imperial War Museum als offizieller Kriegskünstler in den Irak fuhr. Zu den Arbeiten, die er von dort mitbrachte, gehört eine völlig unheroische Briefmarkenserie über gefallene britische Soldaten.

In Bear, seiner Abschlussarbeit am Londoner Goldsmith College, sieht man zwei nackte schwarze Männer, einer davon McQueen selbst, die einen spielerischen Ringkampf vollführen. Aggression, Blackness, Sexualität, Gewalt, Ritus, Tanz, der rassistische Blick auf schwarze Körper – all dies schwingt in dieser klassischen Kinosituation des Duells mit, die hier zugleich wie ein Exorzismus funktioniert.