Als Romolus Agblonon in Hamburg ankommt, besitzt er nichts außer ein paar Kleidern und seinen Papieren. Sein restliches Leben hat er an der Elfenbeinküste zurückgelassen – in dem kleinen Land in Westafrika bricht gerade ein Bürgerkrieg aus. Endlich ist Agblonon sicher vor den Kämpfen, kann noch einmal von vorne anfangen. "Damals dachte ich, ich hätte es geschafft", erinnert sich der 38-Jährige heute, elf Jahre später.

So wie Agblonon kommen die meisten Flüchtlinge in Deutschland an. Ohne Besitz, oft ohne deutsche Sprachkenntnis, aber alle mit riesigen Erwartungen: Deutschland, die gelobte Wirtschaftsnation, der Exportweltmeister. Da muss es doch leicht sein, einen Job zu finden. In keinem anderen EU-Land wollen mehr Menschen Asyl als hierzulande. Allein 2013 stellten bis November knapp 116.000 Flüchtlinge einen Antrag. Die meisten kamen aus Russland (14,5 Prozent), ein gutes Zehntel ist aus Syrien. Der Anteil der afrikanischen Länder ist verhältnismäßig gering. 3,4 Prozent der Menschen kamen aus Somalia, knapp zwei Prozent aus Nigeria.

Bei den meisten folgt kurz nach der Ankunft die Ernüchterung. Marion Gag hat das oft erlebt. Die Pädagogin leitet seit 2002 in Hamburg Netzwerke zur beruflichen Integration von Flüchtlingen und Asylsuchenden. "Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus haben es auf dem deutschen Arbeitsmarkt sehr schwer", sagt sie. Viele hätten Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, manche seien auch traumatisiert. Zudem gebe es aber strukturelle Probleme wie die komplizierte Rechtslage für Flüchtlinge. Schließlich sollen sie aus Sicht des Staates eigentlich nur vorübergehend hier leben. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat dieses Jahr bisher nur 1,1 Prozent der Asylanträge positiv beschieden. Nur: Viele bleiben trotzdem. Egal, ob sie hier arbeiten können oder nicht. Denn wenn sie arbeiten wollen, müssen Flüchtlinge viele Hürden überwinden.

In Deutschland haben 2013 so viele Menschen Asyl beantragt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Unsere Infografik zeigt das komplizierte Verfahren, das sie durchlaufen. © Nora Coenenberg/Katrin Pepping

Die Flüchtlinge bekommen in der Regel eine Duldung, mit der die Abschiebung für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt wird. Daraus wird oft ein Dauerzustand. So lebten Ende vergangenen Jahres rund 85.000 Menschen mit diesem Status in Deutschland, 36.000 davon schon länger als sechs Jahre. Auch Agblonon wird nach seiner Ankunft erst einmal nur geduldet, Asyl bekommt er nicht, doch zumindest soll er bleiben dürfen, bis die Kämpfe an der Elfenbeinküste zu Ende sind. Seine Duldung muss er anfangs alle drei Monate neu bewilligen lassen. Für seinen Lebensunterhalt zahlt der Staat – arbeiten darf er nicht. Geduldete unterliegen strengen Auflagen: Ein Jahr lang dürfen sie überhaupt nicht arbeiten. Danach dürfen sie weitere drei Jahre lang nur Jobs annehmen, für die kein deutscher oder europäischer Bewerber infrage kommt. Dies soll einen Missbrauch des Asylrechts verhindern. Doch je länger ein Flüchtling nicht für seinen Lebensunterhalt aufkommen darf, desto länger muss es die Gemeinschaft der Steuerzahler tun.

"Bei den meisten Zugewanderten dauert es zu lange, bis sie eine Arbeitserlaubnis bekommen oder an Qualifizierungsmaßnahmen bei Bildungsträgern teilnehmen dürfen", sagt Integrationsfachfrau Gag. "Durch die lange Wartezeit findet eine starke Dequalifizierung statt." Das Risiko, auch später keinen Job zu finden, steige dadurch erheblich.

Aus ökonomischer Sicht wäre die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt also sinnvoll. Eine vollständige Statistik zum Bildungsniveau von Flüchtlingen gibt es in Deutschland allerdings nicht. Ein guter Anhaltspunkt ist aber eine Erhebung unter gut 11.000 Teilnehmern des bundesweiten Förderprogramms Xenos, das Bleibeberechtigte und Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthalt auf dem Arbeitsmarkt unterstützt. Demzufolge haben 87 Prozent der Befragten eine Schule besucht, fast zwei Drittel davon mehr als neun Jahre, knapp ein weiteres Drittel mindestens fünf Jahre. Immerhin rund 10 Prozent der Befragten haben ein Hochschulstudium abgeschlossen, 42 Prozent eine Berufsausbildung.

In der Gruppe "Lampedusa in Hamburg" – 300 afrikanische Flüchtlinge, die seit Monaten um ein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland kämpfen und exemplarisch für Deutschlands Umgang mit Zuwanderern stehen – zeigt sich, dass Flüchtlinge sehr unterschiedliche Qualifikationen mitbringen. Kazali Djobo etwa hat noch nie eine Schule besucht. Als Kind half der 32-Jährige auf dem Feld, mit 16 Jahren ging er nach Libyen und schlug sich dort als Lastenträger durch. Olaiya Olawale Tunde, 35, hat in Nigeria dagegen fünf Jahre Labortechnik studiert und in Libyen als Ingenieur gearbeitet. "Dort gehörte ich zur Mittelklasse", sagt er in fließendem Englisch.

Ihre Bildung, wenn sie vorhanden ist, bringt den Zugewanderten allerdings meist wenig. Egal, ob ein Flüchtling studiert oder eine berufliche Ausbildung hat oder nicht – die Wahrscheinlichkeit, dass er nur einen Aushilfsjob bekommt, ist beinahe gleich hoch. Auch das zeigt die Auswertung des Xenos-Programms.