DIE ZEIT: Herr Fédier, Heidegger – ein Antisemit? Sie haben das immer bestritten, aber jetzt liegen Ihnen Auszüge aus den Schwarzen Heften des deutschen Philosophen vor, die sogar für den deutschen Heidegger-Herausgeber Peter Trawny die Zweifel an der antisemitischen Grundhaltung Heideggers auszuräumen scheinen. Ändern nun auch Sie Ihre Auffassung?

François Fédier: Natürlich können die jetzt bekannt gewordenen Aussagen Heideggers über das Judentum und "die Juden" aus heutiger Sicht schockierend erscheinen. Er selbst aber konnte sie in seiner Zeit nicht als monströs empfinden. Wenn ich heute etwas über "die Juden" sage, etwas über ihren Humor oder ihre Spiritualität – laufe ich dann nicht groteskerweise sofort Gefahr, als Antisemit zu gelten?

ZEIT: Aber Heidegger schreibt den Juden laut Trawny Attribute zu, wie es auch die Nazis taten.

Fédier: Hier geht Trawny zu weit. Er sagt, Heideggers Denken schließe an die Protokolle der Weisen von Zion an (ZEIT Nr. 1/14), eine antisemitische Hetzschrift, die von der Wahnvorstellung eines jüdischen Weltkomplotts ausgeht. Allein die Idee, dass Heidegger die Protokolle gelesen haben könnte, erstaunt mich. Er verlor keine Zeit mit solchem Unsinn.

ZEIT: Den Juden eine "zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens" anzudichten – ist das nicht durchaus Unsinn, damals sogar sehr gefährlicher Unsinn?

Fédier: Das vollständige Zitat, das Heidegger nun zum Vorwurf gemacht wird, lautet: "Eine der verstecktesten Gestalten des Riesigen und vielleicht die älteste ist die zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens, wodurch die Weltlosigkeit des Judentums gegründet wird." Das ist aber kein antisemitischer Satz. Das Konzept des Riesigen ist ja zentral für den Heidegger der dreißiger Jahre, es ist für ihn ein Charakteristikum der heutigen Welt, die er auch die Welt der Weltlosigkeit nennt. Wenn er nun davon spricht, wodurch schon ganz früh die Weltlosigkeit des Judentums entstand, sieht er das Judentum nur als erstes Opfer dieses Riesigen. Trawny interpretiert das umgekehrt: als wäre das Judentum der Grund des Riesigen. Das ist falsch.

ZEIT: Aber es bleibt der fatale Beigeschmack einer allgemeinen Verurteilung des Judentums. Und gilt das nicht erst recht für Heideggers Auslassungen über die jüdischen Propheten?

Fédier: Schauen wir noch einmal genau hin. Hier lautet die bisher unbekannte Textpassage aus Heideggers Schwarzen Heften: " 'Prophetie' ist die Technik der Abwehr des Geschicklichen der Geschichte. Sie ist ein Instrument des Willens zur Macht. Dass die großen Propheten Juden sind, ist eine Tatsache, deren Geheimes noch nicht gedacht worden ist." Diese Passage ergibt nur dann einen Sinn, wenn Prophetie nicht mit der Prophetie der großen Juden gleichgesetzt wird. Um welche Prophetie handelt es sich also? Ich kenne das Datum des Zitats nicht. Aber ich bin sicher, dass es nach dem 30. Januar 1939 liegt, dem Tag, als Hitler eine Rede hielt, in der er von sich selbst als Prophet sprach. Heidegger spricht hier also von der Prophetie im Sinne Hitlers, mithin von Hitlers Technik der "Abwehr des Geschicklichen der Geschichte". Diese Technik will die Geschichte unbedingt selbst bestimmen. Es geht also um Hitlers Willen zur Macht. Zumal das von Nietzsche stammende Konzept des Willens zur Macht erst am Ende der Geschichte der Metaphysik sinnfällig wird und nicht etwa zur Zeit der jüdischen Propheten. Heideggers Hinweis auf die großen Propheten der Juden ist deshalb als versteckte Kritik zu verstehen, dass Hitler kein großer Prophet ist.

ZEIT: Trotzdem entsteht der Eindruck, dass Heidegger so formuliert, dass ihn auch die Nazis verstehen können.

Fédier: Das sehe ich ganz anders. Er fügt seiner Aussage an dieser Stelle ja ausdrücklich die Bemerkung hinzu, dass dies mit Antisemitismus nichts zu tun habe. Diesen nennt er "töricht" und "verwerflich". Da ist er sehr präzise. In Heideggers Denken ist Antisemitismus wie überhaupt jede Antihaltung nicht integrierbar. Wenn ich mich zum Beispiel gegen den Kommunismus stellen will, kann ich das nicht als Antikommunist. Nietzsche war Antimetaphysiker. Deshalb konnte er aus Heideggers Sicht die Metaphysik nicht überwinden.

ZEIT: Umso lieber schmeißt Heidegger dafür Juden und Kommunisten in einen Topf, wie es die Nazis taten.

Fédier: Er tut dies in den mir bekannten Stellen der Schwarzen Hefte nur im Zusammenhang mit einer Kritik von jeglichem Dogmatismus. Trawny erhebt auch hier den Vorwurf des Antisemitismus. Mir scheint dabei, dass der Herausgeber Heideggers in Deutschland heute solche Angst hat, im Zusammenhang mit diesen Zitaten selbst als Antisemit zu erscheinen, dass er sich genötigt fühlt, bei jeder Erwähnung des Wortes Judentum den Antisemitismus-Vorwurf vorsorglich gleich selbst zu erheben. Dabei finde ich es ja gut, wenn man in Deutschland heute sehr sensibel auf alles reagiert, was in Richtung Antisemitismus führen könnte. Aber Heidegger ist der falsche Verdächtige. Der Antisemitismus, das ist der Judenhass. Bei Heidegger gibt es keine Spur von Hass. Er schreibt: "Die niedrigste, weil sich selbst erniedrigende Gesinnung ist der Hass: die vollendete Unfreiheit, die sich zur hohlen Überlegenheit aufspreizt." Heideggers Vorstellung vom Dasein lässt jede Form von Rassismus unmöglich erscheinen. Sein Daseinsbegriff lässt nicht zu, den Menschen als Rasse zu denken.

"Heideggers Denken befindet sich in einer immerwährenden Evolution."

ZEIT: Doch er hat sich vom Nazismus und von dessen Judenhass nie ausdrücklich distanziert. Sogar Ihr Schüler Hadrien France-Lanord, Herausgeber eines französischen Heidegger-Lexikons, empfand die jüngsten Veröffentlichungen aus den Schwarzen Heften als zutiefst verstörend.

Fédier: France-Lanord entstammt der jungen Generation. Er glaubt, schon das Wort Judentum sei ein Schimpfwort. Ich bin vor dem Krieg geboren und halte es eher mit Hannah Arendt. Bevor sie nach dem Krieg zu Heidegger zurückkehrte, hat sie Antisemiten als "potenzielle Mörder" definiert. Auch Heidegger fiel für sie eine Weile in diese Kategorie, weil sie glaubte, er habe als Rektor der Universität Freiburg den jüdischen Philosophen Edmund Husserl verstoßen. Erst Karl Jaspers klärte Arendt auf, dass Heidegger in Wahrheit Husserl an seiner Universität reintegrierte, nachdem dieser ohne sein Zutun ausgeschlossen worden war. Jedenfalls traf dann für Arendt ihre Definition eines Antisemiten auf Heidegger nicht mehr zu. Warum halten wir uns heute nicht daran?

ZEIT: Was hätte Arendt wohl zu einem Heidegger-Satz wie diesem gesagt: "Die Juden leben bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip."

Fédier: Dieser Satz von Heidegger grenzt ohne Zweifel an Dummheit, denn es ist ausgeschlossen, sich das Leben der Juden so vorzustellen. Er selbst hat von der Zeit seines Rektorats in Freiburg in den Jahren 1933/34 als seiner "größten Dummheit" gesprochen. Heidegger glaubte damals, unter Hitler etwas ausrichten zu können. Er las die demagogischen Reden Hitlers und fand in ihnen Einzelheiten, die er als vielversprechend empfand. Heideggers Dummheit war es, Demagogie und Tarnmanöver Hitlers nicht durchschaut zu haben.

ZEIT: Werden sich nun die Schwarzen Hefte als seine größte Dummheit entpuppen?

Fédier: Sicher nicht! Man wird in ihnen weitere erstaunliche Dinge finden, die er selbst nicht weitergedacht hat. Aber das alles wird die Bedeutung seines Werkes nicht schmälern.

ZEIT: Den Antisemitismus-Vorwurf wird er nun kaum wieder loswerden.

Fédier: Das liegt ganz an uns. Wir dürfen den Gerüchten nicht weiter freien Lauf lassen. Heideggers Denken befindet sich in einer immerwährenden Evolution. Seine Grundansichten treten mit der Zeit immer klarer hervor. Das Geschickliche der Geschichte – das hat er als Erster gesehen. Das Geschickliche ist das aller Geschichte Innewohnende. Dieser Denkansatz überwindet die Kritische Theorie und die Kantsche Philosophie. Er entspricht einer weiterführenden Radikalisierung des kritischen Denkens und führt zu der Vorstellung von der Endlichkeit des Seins und des Daseins. Kant sagte: Es ist uns nicht möglich, etwas anderes als diese Welt zu kennen. Heidegger denkt auf das Rätselhafte dieser menschlichen Beschränkung hin.