Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Man kann wirklich nicht behaupten, dass sich mit Literatur kein großes Vermögen mehr verdienen lasse. Das ist eine Schutzbehauptung.

Shades of Grey war eine Trilogie von erotischen Romanen, die von einer Frau für Frauen verfasst wurden. Gesamtauflage: 70 Millionen. Die Heldin verfällt einem charismatischen Macho, der sie in die Welt des Sadomasochismus einführt. In der Twilight-Saga geht es um Vampire, die Liebe suchen. Was die neue Bestseller-Reihe namens Bigfoot betrifft, zitiere ich am besten die deutsche Inhaltsangabe des Internetbuchhändlers Amazon. Man merkt, dass es eilig übersetzt wurde. "Mit einem einwöchigen Ausflug in den Mt. Hood National Forest, der als spaßige Reise zum Flirten beginnt, verwandelt sich dieser schnell in einen Alptraum, als eine affenähnliche Kreatur eine Gruppe junger Frauen entführt, mit dem Ziel, Affenkinder zu zeugen. Alle Charaktere sind 18 und älter."

Für einen Affen ist 18 ein ziemliches Alter. Die Autorin der Bigfoot-Reihe – der erste Band heißt Moan for Bigfoot – trägt das Pseudonym Virginia Wade, es handelt sich um eine Hausfrau mittleren Alters aus der Kleinstadt Parker in Colorado. Weil der Affe naturgemäß weniger gesprächig ist als der kultivierte Mister Grey, kommen die Bücher mit etwa hundert Seiten aus. Seit 2011 haut Frau Wade einen Band nach dem anderen heraus, in einem Interview hat sie gesagt, dass sie mit Bigfoots Abenteuern allein im Internet bis zu 30.000 Dollar im Monat verdient. Am Anfang ging es darum, dass Waldwesen unbescholtene junge Frauen in die Wildnis verschleppen. Inzwischen sind auch Wikinger und Werwölfe mit unerfülltem Kinderwunsch unterwegs. Es gibt in den USA jede Menge andere Autorinnen, die auf die Welle aufspringen, der Roman Sex With My Husband’s Anatomically Correct Robot ist bereits erhältlich. Der Fachbegriff für dieses Genre heißt "kryptozoologische Erotika". Die Familie Wade scheint einen deutschen Migrationshintergrund zu besitzen, die deutsche Übersetzung wird von Virginias Mutter besorgt. Als Lektor ist ihr Vater tätig, ein pensionierter Englischlehrer. Im 17. und letzten Band sollen Bigfoot und seine Gefährtin beim Orgasmus von einer gemeinsam erzeugten Atomexplosion vernichtet werden.

Als Erstes fällt einem zu Bigfoot natürlich King Kong ein, aber dann habe ich die Leserinnenrezensionen im Internet gelesen. Eine gewisse "Bijou" schreibt: "Die Anfangsszene ist nett gemacht, danach wird mir das zu unhygienisch. Ist schon klar, dass Bigfoot nicht sonderlich viel vom Waschen hält." Neben King Kong muss wohl auch die Kinderbuch-Reihe Die Olchis zu den literarischen Vorbildern von Bigfoot gerechnet werden. Im Wirtschaftsmagazin Business Insider schreibt ein Kollege, der einige Bände gelesen hat, dass sich ihre literarische Qualität zwar weit unterhalb der Nachweisgrenze bewege, aber er habe doch einige Male an die griechische Mythologie denken müssen, wo es ebenfalls von sexhungrigen Minotauren, Stieren und Wassertieren nur so wimmelt. Außerdem – die Frauen kaufen das wie verrückt. Je partnerschaftlicher und sensibler die echten Männer werden, desto größer wird der Buchmarkt für das Tier im Mann.

Ich bin zurzeit in den USA und denke über ein neues Buch nach. Warum probiere ich eigentlich nicht mal so was aus? Für ein Machobuch bin ich wahrscheinlich genau der Richtige. Und ich mag sowohl Reichtum als auch Tiere und den Wald. Aber Sexbestseller zu schreiben ist heute leider ein reiner Frauenberuf. Und der Macho ist für die Autorinnen ein literarisches Fabelwesen geworden, ähnlich wie früher die Meerjungfrau.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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