© Markus Tedeskino / Ag.Focus

Von wegen Tokio. Wer Haruki Murakami besucht, muss nach Honolulu reisen, das ist ein Ort, so unwahrscheinlich wie Murakamis Geschichten. Das Licht, die Berge, der legendäre Strand von Waikiki – der Ankömmling sinkt in einen Traum aus 28 Grad und dem Duft tropischer Blumen. Es ist das Paradies auf Erden. Doch kaum jemand ist hier am Strand. Seitdem strenge Parkverordnungen das Rauchen, Trinken und Essen dort verbieten, bestellen die Touristen ihren Mai Tai in klimatisierten Hotelbars. Die meisten von ihnen kommen aus Japan. Es sind die Erben jener Piloten, die 1941 schon einmal Kurs auf Pearl Harbor genommen haben. Ob sie ahnen, dass auch ihr gefeierter Dichter auf dieser Insel wohnt?

Über die Enge und den Zustand des vielleicht sechs Quadratmeter großen Büros Haruki Murakamis würde sich jede studentische Hilfskraft zu Recht beschweren. In dem beinahe leeren Metallregal stehen ein paar japanische Bücher, auf den Schreibtisch passen gerade einmal der Computer und eine Thermotasse. Hier empfängt Haruki Murakami zweimal pro Woche zur Sprechstunde oder auch nur zum Signieren seiner Bücher. Er ist an der Universität von Honolulu auf Hawaii noch bis zum nächsten Jahr so etwas wie ein " writer in residence". Kein Unterricht, kein kreatives Schreiben, nur manchmal hält er einen Vortrag. Murakami trägt Joggingschuhe, bermudalange Jeans und über dem T-Shirt ein Holzfällerhemd. Das Schicksal hat es mit Haruki Murakami so gut gemeint, dass seine Erscheinung kaum auf einen Nenner zu bringen ist. Als sei er aus verschiedenen Personen zusammengesetzt, passen sein Körper zu einem dreißigjährigen Sportler und die Gesichtszüge zu einem Mann in den Vierzigern. Am kommenden Sonntag feiert er seinen 65. Geburtstag.

Haruki Murakami wird nicht nur in jedem Jahr zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis gezählt, er gehört auch zu den zehn meistverkauften Autoren der Gegenwart. Er ist enthusiastischer Schallplattensammler und leitete, bevor er im Alter von 29 Jahren mit dem Schreiben begann, einen Jazzclub in Tokio. Wilde Schafsjagd, Hard Boiled Wonderland, Naokos Lächeln, Mister Aufziehvogel und Kafka am Strand gehören zu seinen berühmtesten Romanen, außerdem veröffentlichte er Erzählungen, zum Beispiel im Band Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Morgen nun erscheint auf Deutsch Murakamis Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Im Vergleich zu seinem zuletzt erschienenem Monumentalwerk 1Q84, das auf 1600 Seiten alle Register der fantastischen Epik zieht, ist dies ein schmaler und beinahe kammerspielartiger Roman. Er erzählt die Geschichte eines Mannes in den Dreißigern, der sich in seiner Jugend schlagartig und aus ihm unerfindlichen Gründen von seinen einzigen vier Freunden verlassen sah. Herr Tazaki weiß nur, dass sein Nachname, im Unterschied zu denen der anderen, nicht den Namen einer Farbe enthält. Um dem Drama seines gänzlich grau gewordenen Lebens zu entkommen, macht er sich auf eine Reise, die den Grund des Bruchs zutage fördern soll.

DIE ZEIT: In Ihrem neuen Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki erzählen Sie eine ziemlich realistische Geschichte. Hatten Sie die Nase voll von Parallelwelten und von Katzen, die sich wie Menschen benehmen?

Haruki Murakami: Ich kenne einige Leute, die waren deshalb sehr enttäuscht. Sie hatten wohl etwas anderes erwartet. Es ist aber genau das Buch, das ich in diesem Moment schreiben wollte. Ich bin mir außerdem gar nicht so sicher, dass es sich wirklich um einen realistischen Roman handelt.

ZEIT: Nun gut: Es gibt da eine Frau, die hat an einer Hand sechs Finger. Das Schicksal der Figuren scheint irgendwie von Farben abzuhängen. Und dann ist da noch dieser überaus mysteriöse Mord.

Murakami: Ich weiß selbst nicht, wer diese Frau erwürgt hat. Wirklich, keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der Mord für diese Geschichte unbedingt nötig war. Meine Romane und Erzählungen mögen mal mehr und mal weniger fantastisch sein. Aber beim Schreiben ist es für mich immer das Gleiche. So auch bei diesem Roman. Ich habe wieder diese Brise gespürt. Ich empfange Nachrichten von der anderen Seite.