Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo im Büro des ZEIT-Herausgebers in Hamburg © Sigrid Reinichs

Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt, haben Sie mitbekommen, dass Sie für die Deutschen der bedeutendste Bundeskanzler der Nachkriegszeit sind? Laut einer Umfrage liegen Sie noch vor Adenauer und Brandt.

Helmut Schmidt: Ich habe das mitbekommen, aber ich nehme an, dass das an der Fragestellung lag. Die kann suggestiv gewesen sein. Ich halte nichts von Meinungsumfragen.

di Lorenzo: Freut Sie das Ergebnis kein bisschen?

Schmidt: Es freut mich, dass Herr Kiesinger mit null Prozent abgeschnitten hat. Er hatte sich durchs "Dritte Reich" gemogelt. Er war gebildet, aber kein bedeutender Mann. Es steckte nicht viel Kraft dahinter.

di Lorenzo: In der gleichen Dezemberwoche, in der diese Umfrage veröffentlicht wurde, sind Sie nach Moskau zu Präsident Putin gereist. An diesem Besuch gab es heftige Kritik. Haben Sie das auch mitbekommen?

Schmidt: Ja, habe ich.

di Lorenzo: Hat Sie diese Kritik berührt oder geärgert?

Schmidt: Nein. Das habe ich doch vorher gewusst, dass es Kritik geben wird.

di Lorenzo: War es ein geeigneter Ort, ausgerechnet bei Putin die Vertreter demokratischer Organisationen in Europa zu kritisieren?

Schmidt: Ich sage überall dasselbe, ob in China, in Russland, in den USA, in Berlin, in Rom oder sonst wo. Ich rede überall mit derselben Zunge.

di Lorenzo: Sie sollen gesagt haben, dass in Europa nach Churchill und de Gaulle keine bedeutende politische Persönlichkeit mehr herausgeragt habe: Ist das nicht ungerecht?

Schmidt: Es ist ungerecht gegenüber Willy Brandt, es ist ungerecht gegenüber einer Reihe von europäischen Politikern. Es ist die typische Äußerung aus dem Stegreif im Laufe eines Gesprächs. Schriftlich würde ich das so nicht von mir geben.

di Lorenzo: Können Sie das Befremden nicht nachvollziehen, wenn Sie Ihre Abschiedstournee bei Staatslenkern und Präsidenten absolvieren, die alles andere als Demokraten sind? Sie sind nach Peking gereist, waren beim früheren Premierminister Singapurs, zuletzt der Besuch bei Putin.

Schmidt: Aber ich war ebenso in Rom, Paris und London, in New York und in Washington. Anfang Dezember hat mich die abgedankte Königin der Niederlande angerufen, Beatrix. Die kannte ich schon als junges Mädchen. Sie war in Berlin und fragte, ob ich sie nicht zum Kaffee besuchen könnte. Sie ist die klügste Mannin ganz Hollands. Das war auch ein Abschiedsbesuch für mich. Gleichrangig wie die Reise nach Moskau zu Putin. Das sind alles Abschiedsreisen eines alten Mannes, der davon ausgeht, dass er bald stirbt.

di Lorenzo: Hören Sie auf!

Schmidt: Es ist doch so! Ich bin inzwischen 95.

di Lorenzo: Wir haben uns zu diesem Gespräch verabredet, weil Sie sich über einen Artikel unseres ZEIT-Kollegen Jörg Lau geärgert haben. Er hatte Frank-Walter Steinmeier die Eignung als Außenminister abgesprochen, weil er gegenüber autoritären Regimen zu freundlich sei. Was hat Sie daran gestört?

Schmidt: Eine ganze Menge.

di Lorenzo: Sagen Sie schon!

Schmidt: Der alte Mann muss erst eine Brille aufsetzen, sonst kann er nicht mehr lesen.