Eigentlich sucht Michael Meier-Shergill die Harmonie im Leben: "Glückseligkeit" steht in geschwungenen Buchstaben über seinem Laden in der Konstanzer Fußgängerzone. Der gelernte Heilpädagoge verkauft hier Aufbackkuchen in Einweckgläsern, Guetzliausstecher und Stoffschuhe in Kindergrößen. Die Produkte kommen fast alle aus der Bodenseeregion.

Doch seit ein paar Monaten fehlt die Eintracht im Leben des zweifachen Familienvaters. Schuld ist ein Streit zwischen der Stadt Konstanz, den hiesigen Grundschulen – und zahlreichen Eltern. Es geht um die Frage, ob deutsche Kinder, die ennet der Grenze im schweizerischen Kreuzlingen wohnen, eine Konstanzer Grundschule besuchen dürfen.

Die Kinder aus Kreuzlingen überlasteten die Konstanzer Schulen, sagen die Gegner. Es müssten für sie sogar neue Klassen gebildet werden. Alles Humbug, sagen die Befürworter dieses grenzüberschreitenden Schülerverkehrs. Und sie werfen den Gegnern vor, mit falschen Zahlen zu hantieren.

Auch Michael Meier-Shergill wohnt mit seiner Familie seit sechs Jahren in Kreuzlingen und schickt seine Kinder in Konstanz zur Schule. Die Tochter geht in die dritte Klasse, sein Sohn besucht das Gymnasium. Für den Vater war immer klar, dass er seine Kinder auf eine deutsche Schule schickt: Mit dem Abitur bekommen sie später in der Europäischen Union leichter einen Studienplatz als mit der Schweizer Matura. Und während an deutschen Schulen in der Regel Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird, lernen die Schweizer zunächst Französisch. "Auf welche Schule meine Kinder gehen, ist eine Entscheidung mit lebenslangen Folgen", sagt Meier-Shergill.

Doch bei der Schulwahl haben auch andere ein Wörtchen mitzureden. Etwa die Politik.

Und so eskalierte vor Kurzem der Schulstreit am Bodensee. Das Konstanzer Parlament wollte nämlich, dass Kinder mit Schweizer Wohnsitz künftig keine städtische Grundschule mehr besuchen dürfen. Erst in letzter Minute konnten wütende Eltern und Lehrer den Beschluss stoppen. Sie überreichten dem Gemeinderat eine Petition mit 600 Unterschriften. An vorderster Front: Michael Meier-Shergill, der auch Mitglied im Elternbeirat der Stadt ist. Und der Gemeinderat gab nach: Solange an den Konstanzer Schulen noch Platz ist, werden weiterhin Kinder aus der Schweiz aufgenommen.

Hinter dem Schulstreit von Konstanz steckt aber mehr als ein Konflikt um den letzten Platz in der Schulbank. Es geht um Neid und Missgunst.

Eigentlich sind Konstanz mit seinen 80.000 Einwohnern und das viermal kleinere Kreuzlingen eine Doppelstadt mit Landesgrenze. Schon auf dem Bahnhof hört man Schweizer Mundart genauso häufig wie badischen Dialekt. Gäbe es zwischen beiden Städten nicht mehrere Zollstationen, würde man den Übergang von der einen in die andere gar nicht bemerken. Diese Nähe schafft Konflikte.

Tausende fahren jede Woche aus der Schweiz über die Grenze, weil sie in Deutschland günstiger einkaufen können. Vor Weihnachten waren es an den Wochenenden oft über 40.000. Im vergangenen Jahr brachten die Schweizer ein Drittel der 630 Millionen Euro Handelsumsatz in die Stadt. "Alltagsprodukte wie Creme oder Bananen sind in der Schweiz 180 bis 240 Prozent teurer", sagt Friedhelm Schaal von der Konstanzer Wirtschaftsförderung. In der Schweiz gelten diese Einkaufstouristen als Landesverräter: Sie schadeten dem einheimischen Detailhandel und gefährdeten die Jobs der Einheimischen.

Aber auch in Deutschland sorgen die zahlungskräftigen Fremden für Unmut: "Wenn die Schweizer die Schlange an einer Kasse aufhalten, weil sie sich ihren Zettel für die Mehrwertsteuer-Erstattung ausfüllen lassen, werden viele Konstanzer ungeduldig und auch mal unfreundlich", sagt Schaal. Und an Spitzentagen kollabiert in der Innenstadt der Verkehr. Auf einem Parkplatz hinter der Grenze müssen Schweizer Konsumenten auf Plakaten lesen: Hier ist kein Platz für euch. Parkiert außerhalb, fahrt mit dem Bus in die Stadt.

Die Abneigung ist gegenseitig. Viele Kreuzlinger fühlen sich heute fremd in der eigenen Stadt. Denn mittlerweile machen die Deutschen fast ein Viertel der 22.000 Einwohner aus. Vor allem Familien sind in den vergangenen Jahren zugezogen. Es locken gut bezahlte Jobs, niedrige Steuern, und in Kreuzlingen ist der Wohnraum erschwinglich. Die Deutschen wollten sich nicht integrieren, klagen die Schweizer: Wer bei uns wohnt, soll auch seine Kinder hier zur Schule schicken.

Doch am Bodensee sind alle sich selbst am nächsten. Schweizer Konsumenten denken zuerst ans eigene Portemonnaie und dann an die Arbeitsplätze bei Coop oder Migros. Und für deutsche Väter wie Michael Meier-Shergill kommt zuerst das eigene Kinds- und dann das Gemeinwohl.

In diesem Konflikt geht es nicht um Schüler

So hat sich in den vergangenen acht Jahren die Zahl der Schüler mit Schweizer Wohnsitz an den 20 Konstanzer Schulen fast vervierfacht. Heute sind es 374. Den höchsten Anteil haben die beiden Schulen, die am nächsten an der Grenze liegen: die Grundschule Stephan mit 51 Schülern und das Heinrich-Suso-Gymnasium mit 74 Schülern. Das sind pro Klasse durchschnittlich 3,18 beziehungsweise 2,4 Kinder aus der Schweiz.

An den Konstanzer Schulen selbst hält man die Panikmache denn auch für übertrieben. "Es ist unmöglich, dass wir wegen der Schweizer Platzprobleme bekommen", sagt Andreas Hipp. Er ist seit 22 Jahren geschäftsführender Schulleiter der Grund-, Haupt- und Realschulen der Stadt. "Wir haben in diesem Schuljahr zwei Schulklassen aus einer Förderschule dazubekommen, weil wir noch Platz haben." Auch sein Kollege Jürgen Kaz, Sprecher aller Konstanzer Gymnasien, hatte noch nie Probleme mit den Schülern aus der Schweiz: "Sie verteilen sich bei uns am Humboldt-Gymnasium auf acht Jahrgänge mit mehreren Klassen. Neue Klassen mussten wir und auch alle anderen Schulen wegen ihnen noch nie bilden."

Wie alle Konstanzer wissen die beiden Schulleiter: In diesem Konflikt geht es nicht um Schüler. Nicht um Schulbänke. Nicht um Klassenzimmer. "Wer als Deutscher in der Schweiz lebt, wird manchmal so behandelt, als ob er Kapitalflüchtling wäre. Oder als ob er etwas Unsittliches täte", sagt Schulleiter Kaz. Und CDU-Gemeinderat Wolfgang Müller-Fehrenbach, der bis zu seiner Pensionierung selber als Schulleiter amtete, meint: "Der Schulstreit soll von einer Neiddebatte ablenken. Viele denken: Wer in die Schweiz zieht, verdient mehr Geld, zahlt weniger Steuern und schickt seine Kinder dann auch noch auf eine deutsche Schule, die er nicht einmal mit seinen Steuern unterstützt." Die Stimmung sei teilweise richtiggehend feindselig.

So will Andreas Osner, sozialdemokratischer Bürgermeister und zuständig für die Schulpolitik der Stadt, vor dem Gespräch im Rathaus wissen, mit welchen Schulleitern man bereits gesprochen habe: Man sei ja nicht ganz auf einer Linie. Von der Rede über eine Neiddebatte hält Osner nichts. 84.000 Euro habe die Stadt im vergangenen Jahr in Baumaßnahmen an den Schulen gesteckt. Und dies nur wegen der Kinder aus der Schweiz. An einer Schule habe man wegen der Schweizer Schüler eine neue Klasse gebildet, an einer anderen zwei und an einer dritten sogar drei. Insgesamt waren es im laufenden Schuljahr elf zusätzliche Klassen. "Wir hätten sowieso in die Schulen investiert", entgegnet CDU-Gemeinderat Müller-Fehrenbach: "Es spielt keine Rolle, ob in den Klassen ein oder zwei Kinder aus der Schweiz sitzen."

Rosinenpicker! Steuerflüchtling! Michael Meier-Shergill kennt die Vorwürfe gegen ihn und seinesgleichen. Er und die anderen Eltern, die ihre Kinder aus der Schweiz nach Konstanz in die Schule schicken, haben der Stadt mehrfach angeboten, eine Art Schulgeld zu bezahlen. Also der Stadt die Summe zu entrichten, die ihr entgeht, weil die ausgewanderten Deutschen ihre Steuern in der Schweiz bezahlen. Sie denken dabei an einen Förderverein, den sie gründen würden und der das Geld direkt in die Ausstattung der Schulen steckte. Doch die Stadt will sich nicht auf solche Händel einlassen. Schulbildung sei in Deutschland kostenlos, antwortete sie. Und dieses Recht sei einklagbar, auch für Exildeutsche.

Die betroffenen Eltern verstehen die Welt nicht mehr. "Wenn es sonst darum geht, an Geld zu kommen, ist die Stadt auch nicht einfallslos", sagt Meier-Shergill. Für ihn ist der Streit nur eine Stellvertreterdiskussion: "Eine Debatte, bei der es um vermeintliche Steuervorteile durch einen Wohnsitz in der Schweiz geht, darf aber nicht auf dem Rücken unserer Kinder ausgetragen werden."

Meier-Shergill würde sich seinen Neidern gerne stellen. Von Angesicht zu Angesicht. Doch diese agieren lieber aus dem Hintergrund. Der Mann mit seinem Krimskramsladen sehnt sich nach Harmonie im Leben. Nach Glückseligkeit. Aber wenn es um seine Kinder geht und um ihre Zukunft, da hat er gelernt zu kämpfen.