Man braucht nicht aus dem Autofenster zu schauen, um zu sehen, dass es hier nichts zu sehen gibt. Gerade sind wir aus dem Stuttgarter Talkessel auf der Filderebene angekommen. Auf Frank Rosers Landkarte, die aussieht wie ein in allen Spektralfarben leuchtendes Schnittbild eines menschlichen Gehirns, ist der Streckenabschnitt bei Möhringen dunkelrot unterlegt, was so viel heißt wie: potthässlich. Eine Landschaft zum Wegschauen.

Joseph von Eichendorff hätte hier Depressionen bekommen. Der "Speckgürtel" der baden-württembergischen Autometropole ist so ziemlich das Gegenteil einer anmutigen, arkadischen Landschaft, die der schlesische Romantiker in seinen Gedichten sehnsuchtsvoll besungen hatte. Ein Geist, der heute noch gelegentlich durch Gutachten und Gerichtsurteile weht, in denen sich Landschaftsplaner und Verwaltungsrichter mit dem bedrängten "Schutzgut" Landschaft beschäftigen. Hier auf den Fildern gibt es schon lange nichts mehr zu schützen.

Es geht weiter, unter der A8 hindurch, an Echterdingen und dem Stuttgarter Flughafen vorbei, bis zu einem Ort namens Harthausen. Dahinter hellt sich das Rot der Karte zu einem Gelb auf, aus dem vor Grötzingen ein helles Grün wird. Der Blick aus dem Fenster bestätigt den kartografischen Befund: Hier kann man wieder atmen. Man sieht weite Felder und Äcker, ein wenig Wald, sogar ein paar Streuobstwiesen. Der Ort wirkt noch relativ geschlossen. "Wir haben hier vergleichsweise wenige Zeichen industrieller Überformung", diagnostiziert Roser. Jetzt will er seinem Gast noch einen dunkelblauen Bereich zeigen, der auf seiner "Karte der Schönheit" für einen besonders schönen Landstrich steht. Das ist der Albtrauf, der großenteils unter Naturschutz stehende Steilabfall der Schwäbischen Alb. Im Lenninger Tal kommt Roser ins Schwärmen. "Eine kleinteilige Landschaft mit Hangwäldern, Streuobst, fast unzersiedelt. Und sehr dynamisch mit viel Reliefenergie."

Frank Roser forscht am Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart und ist Experte, wenn es um die Frage geht, was eine "schöne Landschaft" ausmacht. Mit einem von ihm entwickelten Computerprogramm kann er Schönheit messen und der subjektiven Wahrnehmung ein Schnippchen schlagen. Punktgenau zeigt seine Karte, wo es schön ist und wo weniger schön. Daraus können Empfehlungen abgeleitet werden, wo aus Sicht des Landschaftsschutzes die auch in Baden-Württemberg heftig umstrittenen Windkraftwerke gebaut werden könnten und wo besser nicht. Die Landschaft im Lenninger Tal erreicht Werte von über neun auf einer Skala von eins bis zehn. Stuttgart-Möhringen liegt mit Werten von unter zwei tief im roten Bereich.

Eigentlich sollte man denken, die Wahrnehmung landschaftlicher Reize sei eine sehr persönliche Angelegenheit. Für Menschen mit einer romantischen Ader sei eben die bäuerliche Kulturlandschaft das Nonplusultra, während Leute mit eher technischem Verstand auch an einer Industrie- oder Energielandschaft Gefallen fänden. Doch das stimmt so nicht. "Es gibt in unserer Gesellschaft einen breiten Konsens darüber, welche Landschaft als schön, welche als hässlich empfunden wird", sagt Roser. "Dieser Konsens kann empirisch nachgewiesen werden."

Als schön empfinden demnach die meisten Menschen, wenn ein Landstrich vielfältig und dynamisch gegliedert ist, mit einem rhythmischen Auf und Ab der Geländeformen – das bezeichnen die Geografen als Reliefenergie –, mit Waldrändern und Wiesensäumen, mit vielfältigen Nutzungen vom Streuobst bis zum Rübenacker, mit kleinen und größeren Gewässern und dem Maßstab der Landschaft angemessenen Siedlungen und Bauwerken. Und am besten ohne besonders auffällige Elemente der Industriegesellschaft wie Autobahnen, Hochspannungsleitungen, Gewerbegebiete oder auch Windkraftwerke.

Es ist das klassische Bild einer intakten mitteleuropäischen Kulturlandschaft, das auch Joseph von Eichendorff vor Augen hatte. Im Gegensatz zur zersiedelten Industrielandschaft, zur ausgeräumten Agrarlandschaft, aber auch zur Wildnis. Roser bezeichnet diese stillschweigende Übereinkunft als "emotionale Basis des Naturschutzes". Im Bundesnaturschutzgesetz findet das seinen Ausdruck in der Verpflichtung, Natur und Landschaft so zu pflegen und zu schützen, dass "Vielfalt, Eigenart und Schönheit sowie der Erholungswert dauerhaft gesichert sind".