Wer den kleinen Ordensmann mit dem grau flatternden Haupthaar und dem strapazierten Kapuzenanorak auf den Sitz des weißen Porsche Panamera sinken sieht, denkt unwillkürlich an einen Nachtfalter, der sich auf eine Sahnetorte verirrt hat. Ein bescheidenes, unauffälliges Geschöpf, eintauchend in Reichtum und Opulenz.

Dieser Luxuswagen ist ein Fahrzeug der Unternehmensberatung Porsche Consulting, er chauffiert den Jesuiten zur Zentrale der Porsche-Tochter ins baden-württembergische Bietigheim-Bissingen. Die Aufgabe von Porsche Consulting ist es, Erkenntnisse aus den optimierten Organisationsprozessen des Sportwagenherstellers in fremde Firmen zu tragen und dort nutzbar zu machen. Die Berater fertigen Analysen an, machen Vorschläge zur Verbesserung von Produktionsabläufen und Kommunikationsprozessen in Brauereien, Werften oder Flugzeugfabriken.

Heute aber ist ein Tag der Einkehr: Michael Bordt, Jesuitenpater und Professor für Philosophie an der Münchner Jesuitenhochschule, hält vor den Unternehmensberatern einen Vortrag zum Thema "Haltung statt Verwaltung". In dem lichtdurchfluteten Industriebau sitzen etwa 200 Zuhörer. Casual gekleidet, um die vierzig. Die meisten Techniker, Ingenieure und Kaufleute. Die allerallermeisten männlich. Und Bordt, der Lehrer für die Lehre vom Menschen, beginnt mit dem Ende. Er spricht von Todgeweihten, die voll Zorn sind, weil sie das Wesentliche ihrer Existenz versäumt haben. Sie hätten zeitlebens ihre wahren Gefühle vor anderen verborgen, und nun werde ihnen schmerzlich bewusst, dass sie "unerkannt sterben müssen".

Er spricht von der "ungesunden Neigung" der Menschen, es anderen – Eltern, Chefs, Partnern, Kunden – recht machen zu wollen und damit am eigenen Leben vorbeizusteuern. "Passt das, was Sie machen, eigentlich wirklich zu Ihnen?", fragt Bordt sein Publikum. Es gehe in diesem Vortrag "nicht um Techniken und Tools gegenüber Kunden", sondern "um die innere Haltung, die Ihrem Handeln zugrunde liegt". Verhalten müsse authentisch sein, denn: "Wer sich den ganzen Tag verstellt, wird krank." Pflichtgefühl könne wohl zeitweise über eine Sinnstiftungslücke hinwegtragen, niemals aber die Grundlage erfüllender Arbeit sein.

Das Publikum staunt. Viele schreiben mit. Bordt geht auf und ab, er spricht frei in ein Headset. Für einen 54-Jährigen hat er eine hohe, junge Stimme und ein merkwürdig faltenfreies Gesicht. Er zeichnet drei spitze Dreiecke nebeneinander auf die Flipchart: meine Person, meine Rolle, meine Firma. "Je weiter die Dreiecke auseinanderliegen, desto größer die Spannungen, die auszuhalten sind."

Jemand aus dem Publikum meint, demnach müssten jene Unternehmen, in der alle drei Dreiecke zur Deckung kämen, die erfolgreichsten sein. "Um Gottes willen", versetzt Bordt. Das eigene Wertesystem und das persönliche Glück deckungsgleich mit der Bilanz der Firma – "das ist Totalitarismus". Und der führe sicher nicht zum Erfolg.

"Ich gehöre selbst zu einer Firma, die nach dem ganzen Menschen greift", sagt der Ordensmann in sein Mikro. "Menschen, die identisch sind mit ihrem Unternehmen, sind grässlich. Nicht mal die katholische Kirche verlangt das von ihren Geistlichen." Heiterkeit im Auditorium.

Kreative Spannung, ergänzt Bordt, entstehe gerade durch die Abgrenzung der Person von ihrer Rolle in der Firma. Nur zu groß sollte der Abstand nicht werden.

Was erhofft sich ein hoch professioneller, wirtschaftlich denkender Betrieb wie Porsche Consulting von solchen Ausführungen? Hält man Bordts Vortrag hier für eine Art gehobenes Incentive-Programm? Oder glaubt man an die innere Reifung der Mitarbeiter durch derlei Denkanstöße?

Auf die Fragen der ZEIT, was man sich von Michael Bordt verspreche, was Ethik heute in Firmen bedeute und ob man nicht befürchte, dass durch den Jesuiten möglicherweise Gedanken in die Belegschaft getragen werden könnten, die letztlich unkontrollierbar seien, möchte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Porsche Consulting nicht antworten. Dabei war es seine Idee, den Professor einzuladen.