Das Fimbatal liegt makellos da, schroffe Grate schließen es nach Süden und Westen gegenüber der Schweiz ab. Keine gewalzte Piste führt hinein, keine von diesen Schneeautobahnen. Es ist ein Tal frei von Sicherheitsnetzen, Sesselliften und Pistenbegrenzungsstangen. Es gibt nur den Berg und den Schnee, und genau das macht das Fimbatal zu einem Sehnsuchtsort für Skifahrer, die es fort von den Pisten und ins freie Gelände zieht.

Bisher war dieser Sehnsuchtsort fern, nur Tourengeher, die sich zum Vergnügen ein Fell unter die Skier schnallten, gelangten in dieses Tal, sie spurten bergauf bis zur Heidelberger Hütte und manchmal noch darüber hinaus, doch seit Weihnachten ist das Geschichte. Seit Weihnachten führt eine beheizte Gondel auf den Piz Val Gronda hoch über dem Tal, weil die Ischgler es unbedingt an ihr Skigebiet, an ihren mit Hightechliften optimierten Vergnügungspark anschließen wollten.

Wer oben aussteigt, den zieht es sofort hinaus in die Stille, die Hänge hinunter, wissend, dass die eine, die eigene Spur nichts verändern wird, dass aber die Gondel pro Fahrt 150 Skifahrer auf den Berg bringen kann. Naturschützer haben dagegen gekämpft – 20 Jahre lang war die Bahn auf den Piz Val Gronda eines der umstrittensten Tourismusprojekte in Österreich –, und sie haben verhindern können, dass Berg und Tal planiert, mit Pisten überzogen und großflächig umgebaut wurden. Gewonnen hat trotzdem ein anderer: Hannes Parth. Er steht mit auf dem Piz Val Gronda, denn der Tag der Eröffnung ist sein Tag. Er, der Vorstandschef einer der größten, erfolgreichsten und vermögendsten Seilbahngesellschaften in Österreich, durfte das Fimbatal am Ende für seine Touristen nutzen, für alle, die in Ischgl einen Skipass kaufen.

Der Wind kommt an diesem Tag von der Schweiz herüber, so stark, dass es die große Gondel gegen die Station auf der Spitze rüttelt. Die Böen nehmen immer auch eine Handvoll Schnee mit. Wieder eine. Und wieder. Vor vier Wochen lag schon ein halber Meter Pulverschnee. Doch der Wind hat ihn verblasen, nur eine vergleichsweise dünne Schicht hat er gelassen und die Oberfläche fest verpresst, so sehr, dass ein zentimeterdicker Schneepanzer entstanden ist. Es knirscht und schnurpst unter den Schuhen, "chrrt, chrrt", ganz deutlich und zugleich wie schallgedämpft.

Für eine erste Tour durchs Tal sind die Bedingungen denkbar schlecht, nicht nur wegen der Schneeverhältnisse. Die Wolken hängen tief unter den Bergspitzen, das Licht im Tal wird milchig sein, die Kontraste sind also schlecht, und man kann ahnen, dass es später vollends zuziehen, dass es schneien wird. Kein guter Tag, um in unbekanntes Gelände abzufahren.

238 Pistenkilometer reichen nicht – das Skifahren hat sich verändert

Mit der Gondel geht es wieder bergab, und wie zum Trost fragt der Seilbahnchef, ob er am Fuß der Bahn mal den Maschinenraum zeigen solle.

Als Parth ein kleiner Junge war, bauten sie in Ischgl die erste Seilbahn genau über die Wiese hinter Parths Elternhaus, und als der Junge eines Tages auf Skiern den Hang hinunterfuhr, krachte es hinter ihm: Die Gondel war hinabgestürzt, hatte sich noch vor der Eröffnung vom Seil gelöst und in die Wiese gebohrt. Viele glaubten damals, das Seilbahnprojekt sei gescheitert, doch eine Gruppe um Parths Vater ließ einfach eine neue Gondel bauen – und begründete damit den Aufstieg Ischgls zur internationalen Bühne für Winterglamour, Skitourismus und Après-Ski. Heute wirft die Seilbahn Millionen ab, die wieder und wieder in den Berg investiert werden, und Hannes Parth, 58, steht als Seilbahnchef für dieses Wachstum, für Erfolg durch Größe, für Fortschritt durch Technik.

Der Mann ist zwei Stockwerke tief in den Maschinenraum hinabgestiegen, seinen Helm hat er beiseitegelegt und gleich zu schwärmen begonnen: von den doppelmannshohen Rädern, die das Stahlseil der Gondel bewegen. "Da ziehen 670 Tonnen dran." Alles ist in Rot, Schwarz und Weiß gehalten. Rot die Stahlräder und Motoren, Weiß die Wände, schwarz die Türen, hinter denen die Notstromaggregate stehen. "Die Farben von Ischgl", sagt Parth.

Sie haben ihn diese Bahn mehr als zwanzig Jahre lang nicht bauen lassen, egal, welche Partei regierte. Die Ischgler sollten nicht noch einen Bergrücken, noch ein Tal verbrauchen. Aber Parth hat keine Ruhe gegeben. Auf Pisten hat er verzichtet, Umweltauflagen akzeptiert wie noch kein Seilbahner vor ihm. Aber er hat nie von seinem Plan gelassen, den Piz Val Gronda zu befahren, und am Ende hat die Silvretta-Seilbahn rund 20 Millionen Euro in die Erschließung investiert. Was bleibt, ist die Frage – warum?