Wer wie ich aus der Schule des Weltkriegshistorikers Fritz Fischer kommt und vom Trauma "1914" seit einem halben Jahrhundert umgetrieben wird, stöhnt bei der jetzt hereinbrechenden Jahrhundertflut von 1914-Büchern erst einmal auf – um dann von Neuem gepackt zu werden. Wer weiß heute noch, wie der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit seinem Buch Griff nach der Weltmacht 1961 die These aufstellte, die deutsche Reichsregierung habe 1914 den Krieg aus ehrgeizigen "Weltmacht"-Ambitionen mit raffiniertem Kalkül entfesselt? Die These schlug wie eine Bombe ein und spaltete die bundesdeutsche Historikerszene, ja die Öffentlichkeit in zwei Lager. Als ich bei Fischer promovierte und sich das in meiner Heimatstadt herumsprach, wurde ich von meinem früheren Klassenlehrer, dessen Liebling ich gewesen war, angefahren: Wie könne ich zu "diesem Lump" gehen, wo doch selbst Lloyd George, der einstige britische Kriegspremier, zugegeben habe, alle beteiligten Mächte seien in diesen Krieg "hineingeschlittert"?

Mit Beginn des Jubiläumsjahrs 2014 und zum Arbeitsbeginn der neuen deutschen Regierung in einem krisenhaften Europa taucht nun in den Medien die alte Frage wieder auf: Wie steht es um die deutsche Schuld an der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", dem sinnlosen Ersten Weltkrieg? Seltsam: Heute ist es das Buch Die Schlafwandler des australischen Historikers Christopher Clark, das in der Geschichtsszene Furore macht, in Titel und Grundtendenz eine Neuauflage der über neunzig Jahre zurückliegenden Auffassung von Lloyd George (Rezension in der ZEIT Nr. 38/13). Da erscheint die Fischer-These als ein Relikt von vorgestern: eine auf kritische Art germanozentrische Nachkriegsperspektive, wogegen heute Clark, an Erzählkunst Fischer weit überlegen, ein von prallem Leben strotzendes Panorama der Geschehnisse von Westminster bis Sarajevo präsentiert.

Schon früher mussten Fischerianer im westlichen Ausland mitunter erleben, dass die These ihres Meisters banal wirkte und sich dortige Querdenker darüber mokierten, dass bundesdeutsche Linke allen Ernstes militant-nationalistische Eliten für eine deutsche Spezialität hielten. In der Bundesrepublik führte – wie der Düsseldorfer Weltkriegsexperte Gerd Krumeich bemerkt – die Fischer-Kontroverse ähnlich wie der Krieg von 1914 rasch zu einem "Stellungskrieg" der Historiker. Im Laufe der Jahrzehnte wurden die Beteiligten müde. Clark provoziert nun keine Gegenoffensive von Altfischerianern. Denn ohne große Entscheidungsschlacht hat sich in der Forschung bis heute ein Konsens auf einer "Fischer light"-Position eingependelt: dass die deutsche Reichsregierung in der Julikrise 1914 den Krieg ausgelöst habe, absichtsvoll, jedoch nicht von langer Hand geplant, im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge und hereinströmender Informationen.

Für diese Sicht gibt es gute Gründe; und doch: Gar zu achtlos sollte man Fischers schwere Munition nicht verschrotten. Wenn der Reichskanzler Bethmann Hollweg intern bekannte, den Krieg als Präventivkrieg begonnen zu haben, um einer anwachsenden russischen Übermacht zuvorzukommen: Folgte er da wirklich nur seinen Informationen, oder konstruierte er sich einen Zwang, weil er sich nicht zu seinem Willen zum Krieg bekennen wollte? Denn schon damals fehlte es nicht an Indizien dafür, dass das Zarenreich vom Zerfall bedroht war und die Zeit unter Bedingungen des Friedens für Deutschland arbeitete. Dieses Thema verdiente eine intensivere Diskussion.

Nur wird man bei der Lektüre der aktuellen Bücher zum "Großen Krieg" immer wieder daran erinnert: Der heutige Historiker kann aus der Distanz abwägen; für die damaligen Akteure überstürzten sich die Ereignisse. Mit Recht hebt besonders Krumeich das Überraschungsmoment im Geschehen von 1914 hervor. Frühere Autoren folgten zu sehr der Kausallogik, dass große Geschehnisse große Ursachen haben müssen. Diesen Krieg, der dann kam, konnte jedoch keiner der Beteiligten gewollt haben. Da muss man auch eine ganz andere, aus der Kerntechnik wohlbekannte Logik mitdenken: Katastrophen entstehen wesentlich aus dem Unberechenbaren, manchmal aus scheinbar läppischen Vorfällen, an die keiner gedacht hat. Und politische Akteure schwanken oft zwischen Optionen, wenn sie nicht gar absichtsvoll mit diesen jonglieren. So konnten einst die Fischer-Assistenten Zitat über Zitat für einen längst bestehenden deutschen Kriegswillen sammeln, dagegen auf demselben Flur des Hamburger Historischen Seminars die Zuarbeiter des Fischer-Gegners Egmont Zechlin, der im Krieg, 1916, seinen linken Unterarm verloren hatte, jede Menge Belege für deutsche Friedensliebe und Kriegsfurcht. Zuweilen bekannten die Hilfskräfte einander, dass sie auch Belegmaterial für die Position des Kontrahenten hätten.