Rechtsanwalt Thomas Urmann verschickt außergewöhnlich viel Post, schließt allerdings nur wenige Brieffreundschaften. Stattdessen bekomme er Morddrohungen, erzählt er, "durchschnittlich zehn am Tag". Dass ihm so viele seiner Mitmenschen den Tod wünschen, hat mit dem Inhalt seiner Post zu tun. Denn die liest sich, grob vereinfacht, so: Lieber Herr Soundso, Sie haben sich im Onlineportal Redtube den Pornofilm Amandas Geheimnisse angeguckt und damit das Urheberrecht meines Mandanten verletzt. Um juristische Konsequenzen zu vermeiden, überweisen Sie bitte 250 Euro auf folgendes Bankkonto. Mit freundlichen Grüßen, Urmann, Rechtsanwalt.

Abmahnungen heißen solche Schreiben, andere sprechen lieber von Erpressung. Jedenfalls ist Post von Urmann bei Internetnutzern ungefähr so beliebt wie eine Kondompflicht bei Pornofilmproduzenten. Und Urmann hatte erst kürzlich einen Großauftrag für den Briefträger. Zwar verschweigt er die genaue Zahl der Abmahnungen, lässt Schätzungen über mehrere Zehntausend Stück aber unwidersprochen stehen. Seine unangenehme Porno-Post ging pünktlich zur Adventszeit raus. Wenn Urmann also über sich sagt, "Ich bin so beliebt wie eine Radarfalle in der Tempo-30-Zone", dann stapelt er tief. Radarfallen bekommen ja keine Morddrohungen. Und sie werden auch nicht, anders als Urmann jetzt, wegen Erpressung bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.

"Ich habe mit erheblicher Gegenwehr gerechnet"

Zu finden ist der 42-Jährige in seiner Kanzlei Urmann und Collegen in der Zeißstraße im Osten von Regensburg. Zwischen den Jahren ist nicht viel los, als Urmann aus dem Fahrstuhl ins Foyer tritt: ein großer Mann, mit schwarzen Haaren und schwarzem Anzug, kontrolliert und bedacht. Er spricht mit minimal süddeutscher Stimmfärbung und legt nach einem Satz oft eine Pause ein. Ansonsten ein unauffälliger Typ. Seine Kanzlei belegt die oberste Etage eines grauen Siebziger-Jahre-Betonturms von geringer Schönheit. In der Umgebung befinden sich leere und offenbar dem Verfall überlassene frühere Bundeswehrkasernen und der mit Maschendraht umzäunte Hofplatz eines Abschleppunternehmers. An den Straßenrändern parken Lastwagen. Die Autobahn ist nicht weit entfernt.

Wer mag hier arbeiten? Ist es Thomas Urmann, Verteidiger des Rechts, Beschützer der Armen und Schwachen? Oder Thomas Urmann, Abzocker mit zwei Staatsexamen und einem cleveren Geschäftsmodell? Die Antwort ist nicht leicht. Denn bis zum Beweis des Gegenteils gilt auch für einen umstrittenen Anwalt die Unschuldsvermutung.

"Wir betreten hier juristisches Neuland, und natürlich tritt man dabei vielen Leuten auf die Füße. Ich habe mit erheblicher Gegenwehr gerechnet", sagt Urmann. Neuland bedeutet, dass nun erstmals die Nutzer eines Streamingdienstes im großen Stil abgemahnt wurden. Bislang wähnten sich diese vergleichsweise sicher, Massenabmahnungen trafen bloß jene, die digitale Kopien von Filmen oder Musik tauschten. Auch die Bundesregierung halte das "reine Betrachten eines Videostreams nicht für eine Urheberrechtsverletzung", beantwortet sie eine Kleine Anfrage der Linken-Politikerin Halina Wawzyniak. Urmanns Redtube-Abmahnungen, die im Auftrag der Schweizer Firma The Archive rausgingen, sind also besonders heikel.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Unterstützung können sich die Empfänger der Urmannschen Rundschreiben nun ausgerechnet auch vom Landgericht Köln erhoffen. Dabei hatten dessen Richter die Porno-Abmahnungen überhaupt erst ermöglicht. Alle Computer hinterlassen im Netz Zahlenspuren, sogenannte IP-Adressen. Internetanbieter wie die Telekom können herausfinden, welche echten Namen und Adressen sich dahinter verbergen. Sie dürfen das aber nur, wenn ein Richter es anordnet. Genau das ist hier massenhaft geschehen. Andernfalls hätte Urmann seine Post nie losschicken können.

Doch kurz vor Weihnachten gab das Gericht nach öffentlichen Protesten überraschend bekannt, die Beschlüsse wohl zurückzunehmen. "Es entsteht inzwischen der Eindruck, dass durch die Art der Berichterstattung populistischen Vorgaben Genüge getan werden soll", kritisiert Urmann die Wendung. "Sofern die Presseberichte stimmen sollten, scheinen sich zumindest einige Kammern des Landgerichts Köln diesen populistischen Vorgaben zu beugen und einer vermeintlichen Mehrheitsmeinung nachzusprechen. Da wird dann Lautstärke zum Argument."