Das Trassee schmiegt sich an die Bergflanke. Bedächtig windet sich die knallrote Rhätische Bahn durchs Albulatal. Links der Hang, rechts der Abgrund. Und dann, kurz vor Filisur: der Landwasserviadukt. Der Zug fährt über das elegante Bauwerk – bevor ihn ein Tunnel in der gegenüberliegenden Felswand verschluckt.

Wer heute von Chur nach St. Moritz fährt, wähnt sich auf einer Modelleisenbahn. In ein paar Jahren aber soll auf der Touristenstrecke eine Art Alpen-S-Bahn fahren. Von Ende 2025 an pendeln die Züge im Halbstundentakt von der Kantonshauptstadt ins Engadin.

Die Schweiz wächst endgültig, und bis ins hinterste Tal, zu einer großen Agglomeration zusammen. Ob das so gewollt ist, fragt sich aber kaum jemand. Dabei gilt auch in den Bündner Bergen: Wer Schienen sät, wird Pendler ernten. In den Bergen wohnen, in der Stadt arbeiten – das ist ein allzu verlockender Gedanke.

Die geplante Kapazitätssteigerung auf der Albulastrecke ist Teil der Vorlage für die Finanzierung und den Ausbau der Bahninfrastruktur (FABI), über die wir am 9. Februar abstimmen. Sie sieht vor, dass der Bund jährlich eine zusätzliche Milliarde Franken in die Eisenbahn investiert; das ist ein Viertel mehr als bisher. Insgesamt wird der neu zu eröffnende Eisenbahnfonds Jahr für Jahr mit fünf Milliarden Franken gespiesen.

Das Geld dafür kommt aus den unterschiedlichsten Quellen. Wie bisher stammen knapp vier Milliarden aus der Schwerverkehrsabgabe (LSVA), der Mineralöl- sowie der Mehrwertsteuer. Der größte Anteil, nämlich 2,4 Milliarden, sind Gelder aus der Bundeskasse. Nun sollen aber auch die Kantone mehr an die Bahn bezahlen. Zudem werden die Preise für die Benutzung der Eisenbahntrassen erhöht. Ebenso wird der Steuerabzug für Pendler gedeckelt. Und zu guter Letzt sollen zwei statt nur ein Promille der Mehrwertsteuer in die Bahn investiert werden.

Das Parlament entschied: Jedem Dorf seinen S-Bahn-Anschluss

Die komplexe Finanzierung ist der eigentliche Clou der FABI-Vorlage. Alle werden zur Kasse gebeten. Opfersymmetrie nennt man das im Politikerslang.

Die Lastwagenbranche bezahlt weiterhin für die Schäden, die ihre Brummis an der Umwelt anrichten, und finanziert damit den Ausbau des Güterverkehrs auf der Schiene.

Die Autofahrer tragen über den Benzinpreis ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass nicht mehr allein der Kluge im Zuge fährt, sondern so viele Schweizer wie nie zuvor.

Die Bahnunternehmen wiederum können nicht mehr wirtschaften, als gäbe es kein Morgen mehr, als würde die Infrastruktur sich selbst erneuern. Sie müssen 300 Millionen Franken im Jahr für die Benützung der Schienen bezahlen, womit vorwiegend Unterhaltsarbeiten bezahlt werden. Etwas, was die SBB seit Jahren versäumt haben. Bei den Bundesbahnen haben sich deshalb Investitionen von 1,8 Milliarden Franken angestaut.

Die höheren Schienenmieten bekommen wiederum die Kunden zu spüren, die mehr für ihre Billette bezahlen müssen. Was einerseits ärgerlich, andererseits nur richtig ist: Mobilität darf etwas kosten.

Das gilt auch für die Pendler. Sie können fortan maximal 3.000 Franken für die Fahrtkosten von den Bundessteuern abziehen. Das ist etwas weniger, als ein Generalabonnement in der zweiten Klasse oder die tägliche Autostrecke von Baden nach Brugg kostet.

Kurzum: Die FABI-Vorlage ist ein ausgeklügelter, mehrheitsfähiger Kompromiss.

Wären da nicht die eidgenössischen Parlamentarier gewesen. Verkehrsministerin Doris Leuthard wollte ursprünglich über die nächsten zehn Jahre nur 3,5 Milliarden Franken in den Ausbau der Eisenbahn strecken. Von der Verwaltung und der ÖV-Lobby tatkräftig unterstützt, gelang es dem Parlament aber, diesen Betrag fast zu verdoppeln. Für 6,4 Milliarden Franken werden bis 2025 neue Tunnel gebohrt, Brücken gespannt, Bahnhöfe gebaut und Schienen in die Landschaft gelegt.