Wir leben in Zeiten der Individualisierung, oder? Wir möchten mit unserer Kleidung unsere Einzigartigkeit ausdrücken. Deshalb gibt es keine Trends und keine Moden mehr, alles geht gleichzeitig: bodenlang und bauchfrei, Ballon- und Tellerröcke, Tomboy- und Prinzessinnenlook. Die Mode hat sich zu einem großen Wühltisch gewandelt, aus dem jeder ziehen kann, was ihm gerade gefällt – und das, was man damit ausdrückt, ist dann das Selbst. Was wiederum sehr praktisch ist, weil man automatisch immer richtigliegt.

Und mitten in diese Vielfalt platzt ein Motiv hinein, das ganz und gar nicht zu der neuen Selbstbezogenheit zu passen scheint: die Uniform. Und zwar nicht als Camouflage-Muster, wie es schon häufig geschehen ist. Nein, das aktuelle Stilvorbild ist die Schuluniform. So ließ Christophe Lemaire, der Chefdesigner von Hermès, die Models sehr brav in schmalen grauen Kleidern und weißen Blusen auftreten. Calvin Klein Collection zeigte ein gerade geschnittenes Kostüm in Marineblau, und Neil Barrett kombinierte einen grauen Blazer mit einem Bleistiftrock, der so grau war wie vier Stunden Nachsitzen.

Uniformen wurden einmal erfunden, um besser Kriege führen zu können. Sie waren nicht deren notwendige Voraussetzung. Die Landsknechte des 15. und 16. Jahrhunderts etwa trugen aufwendig gepuffte und geschlitzte Mode im Kampfgetümmel. Erst die Ökonomisierung des Krieges brachte Uniformen hervor: Einheitliche Kleidung war viel billiger. Zudem schuf die Uniform scheinbare Gleichheit in der bürgerlichen Armee.

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Auf dieser Grundlage wird auch heute immer wieder für die Schuluniform argumentiert: Schüler aus reichen oder armen Familien unterscheiden sich zumindest äußerlich nicht. Dabei wurden diese Uniformen in England einst nicht etwa als Ausdruck von Gleichheit eingeführt – im Gegenteil. Mit ihnen sollten Schüler der höher gestellten Schulen ihre geistige Überlegenheit demonstrieren. Um Gleichheit kann es auch bei den Schuluniformen auf den Laufstegen nicht gehen, eher um die Sehnsucht nach Klarheit.

Statt alle erdenklichen Elemente kombinieren zu müssen, einfach mal so aussehen, als hätte Mama einem gerade die Zöpfe geflochten. Bleibt nur die Frage: Welche der vielen Uniformen passt zu mir?