Der Sieger von einst, der in Syrien mit der Kalaschnikow auf ausgeglühte Panzerwracks stieg, den Fotografen stolz das Victory-Zeichen entgegenhielt, döst in einer türkischen Mietwohnung in Trainingshose und Unterhemd auf einer Matratze. Es ist weit nach Mittag, doch nur mit Mühe rafft sich Oberleutnant Abu Ahmed (Name geändert) auf. "Das hier ist ein anderes Leben", sagt er. Abu Ahmed bleibt dieser Tage nicht mehr zu tun, als viel zu schlafen. Er gehört zu den Kommandeuren des "Nordsturmes", einer Rebellengruppe, die vor anderthalb Jahren die Kleinstadt Asas an der syrischen Nordgrenze von Truppen des Regimes freigekämpft hatte. Die erste befreite Stadt im Aufstand gegen den Diktator. Doch vor wenigen Wochen musste Abu Ahmed mit den meisten seiner Getreuen über die türkische Grenze fliehen. Nicht Assad hatte ihn bezwungen, sondern die Radikalislamisten von Isil, dem "Islamischen Staat im Irak und in der Levante". Dabei hatte Abu Ahmed die, die jetzt seine Feinde sind, einst selbst gerufen. Ein großer Fehler, sagt er. "Ich hätte nie gedacht, dass sie uns so betrügen."

Die Kämpfe gehen in Syrien in ihr viertes Jahr. Die Freie Syrische Armee (FSA), vom Westen favorisiert, aber kaum unterstützt, löst sich auf. Kampfverbände von Al-Kaida dehnen ihre Herrschaft aus und unterwerfen die Bewohner der von ihnen kontrollierten Gebiete einem mittelalterlichen Islam. Vor wenigen Tagen brachen Kämpfe zwischen den Rebellenfraktionen aus. Mehrere große Milizen haben sich zum Kampf gegen die Extremisten von Isil zusammengeschlossen. Die unterschiedlichen Fraktionen der Rebellen stürmen die Hauptquartiere der jeweils anderen. Die FSA ist am Ende – Assad profitiert davon: die Frontverläufe zwischen den Aufständischen und dem Regime verändern sich seit einem Jahr kaum. Beide Seiten sind erschöpft. Und beide waren vom Frieden nie weiter entfernt als jetzt vor der großen Syrien-Konferenz der UN in Genf. Wie ist es dahin gekommen?

Die Rebellen waren außerstande, eine neue Ordnung zu schaffen

Der Aufstand in Syrien verändert seinen Charakter alle paar Monate. Der Krieg von heute ist ein anderer als der von vor einem Jahr, ein anderer sogar als der von vor einem halben Jahr, und die 70.000-Einwohner-Stadt Asas durchlitt jeden einzelnen. Asas hat in diesen Kriegen schon viele Sieger gesehen und noch mehr Verlierer. Die Heimat von Abu Ahmed ist das Tor ins nur 25 Kilometer entfernte Aleppo, zur Metropole des Nordens. Wie in vielen Städten Syriens gingen im Jahr 2011 auch in Asas Studenten auf die Straße und forderten Reformen. Wie überall in Syrien reagierte das Regime repressiv. Es schickte die Armee und ließ sie die Innenstadt plündern. Damals lief Abu Ahmed von seiner Einheit zu den Demonstranten über. Kaum hatte sich das Militär zurückgezogen, um sich anderen Protestorten zuzuwenden, nahmen die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie bewaffneten sich, sie stürmten Gericht und Polizei. Sie gründeten den Nordsturm. Zu ihnen stießen Studenten, Bauern und Arbeiter, bald auch immer mehr Soldaten. In den nächsten vier Monaten rangen sie die letzten Regimeposten in der Stadt nieder.

Das waren, sagt Abu Ahmed, die "großen Zeiten". Die Tage, als sie zusammenhielten, die Konservativen und die Liberalen, und ihre unterschiedlichen Interessen einem Ziel unterordneten: Assads Sturz.

Der Erfolg nährte die Brigade von Abu Ahmed, sie wuchs beständig, von mehreren Dutzend stieg die Zahl der Kämpfer auf 1.500 im Frühjahr 2013. Der Nordsturm nahm den offiziellen Grenzübergang Bab al-Salam ein, das "Tor des Friedens", das nun Tor des Krieges wurde. Die Truppe sicherte sich den Nachschub aus der Türkei, trieb die Kämpfe nach Aleppo, überrumpelte das Regime, eroberte zusammen mit Milizen aus anderen Dörfern die Stadt zur Hälfte. Quer durch Syrien befanden sich die Rebellen auf dem Vormarsch. Assad schien im Sommer 2012 kurz vor dem Fall. Doch Abu Ahmeds Männer hatten ein Problem, sie waren außerstande, die staatliche Ordnung, die es nicht mehr gab, durch eine neue zu ersetzen. Sie lebten nach dem Prinzip der Beutewirtschaft. Es heißt, der Nordsturm allein habe das Inventar von 18 Fabriken aus dem Industriegebiet Aleppos in die Türkei verschachert. In Asas gründete sich ein ziviler Rat, der den Alltag organisieren wollte, die Versorgung mit Mehl und Benzin, den Müll, doch sah er sich von niemandem unterstützt, Abu Ahmeds Männer kümmerten sich meist nur um sich selbst.

In dieses Vakuum stieß im Frühjahr 2013 eine Wohltätigkeitsorganisation, wie Abu Ahmed zunächst annahm, so jedenfalls sagt er entschuldigend, die Al-Daula al-Islamia fi al-Irak wa al-Scham, der "Islamische Staat im Irak und in der Levante" (Isil). Ihre Mitglieder verteilten Brot, sorgten für Lebensmittel und Zelte für die Ausgebombten. Sie eröffneten Schulen, bezahlten Eltern Prämien, organisierten Schulbusse. Private Stiftungen aus Kuwait und Saudi-Arabien finanzierten sie. Erst allmählich begannen sie, Waffen zu tragen. Ausländische Kämpfer stießen zu ihnen, gut ausgebildet, Terrorkrieger aus dem Irak, Rotbärtige aus Tschetschenien, andere aus Libyen, Tunesien und Ägypten. Alle arabischen Dialekte versammelten sich in Asas. Sie begannen schwarze Masken zu tragen. Erst mit ihrer Hilfe konnten die lokalen Milizen von Asas den nahe gelegenen Militärflughafen Mennag erobern. Zwei saudische Selbstmordattentäter sprengten sich vor der Assad-Bastion in die Luft. Isil erbeutete 21 Panzer. Während der Nordsturm seine hohen Verluste nicht ausgleichen konnte, rekrutierte Isil neue Mitglieder aus dem Ausland. "Dann zeigten sie ihr wahres Gesicht", erzählt Abu Ahmed. Die erbeuteten Panzer ließen sie Anfang Oktober gegen den Nordsturm aufmarschieren. 500 Kämpfer zogen sie dafür von der Front in Aleppo ab, was die Truppen des Regimes zu einer Offensive nutzten und die Belagerung durch die Rebellen durchbrachen. Abu Ahmed musste fliehen.

Es flohen auch fast alle liberalen Medienaktivisten, die Studenten, die als Erste auf die Straßen gegangen waren. Isil setzte ihr Gebäude in Asas unter Beschuss. Andere endeten in den Kerkern der Islamisten, auch circa zwei Dutzend westliche Reporter. Isil erzwang sich systematisch das Meinungsmonopol, verbannte die Weltöffentlichkeit aus Syrien. Es gibt seither kaum noch Bilder vom Kriegsschauplatz.