Die Unterschiede zwischen uns und Amerika waren nie größer. Beinahe ist in Europa der Frühling ausgebrochen, während arktische Kaltluft weite Teile Nordamerikas in eine Eiskammer verwandelt hat. Thermisch trennten beide Kontinente in der Wochenmitte 50 Grad Celsius. Selbst Meteorologen waren von dem Ausmaß des meteorologischen Phänomens überrascht.

Einen solchen arctic outbreak hat Amerika seit Jahrzehnten nicht erlebt. Auch wenn das Schlimmste überstanden scheint: Was bedeutet das Ereignis für Europa? Wäre so etwas auch bei uns möglich? Und ist der Klimawandel daran schuld?

Als Ursache der kurzen Eiszeit gilt die ungewöhnliche Position des polaren Jetstreams, eines gewaltigen Starkwindbandes, das sich in östlicher Richtung um den Nordpol dreht. Normalerweise weht es über der Arktis, nun aber ist eine seiner riesigen Schleifen bis über die US-Südstaaten ausgebüchst. In den vergangen Tagen verschob sich damit der Kältepol der Nordhalbkugel kurzerhand von der Arktis nach Amerika.

Auch Europa spürt die Folgen – in Form eines der mildesten und windigsten Winteranfänge der Wettergeschichte. "Die stark mäandrierende Höhenströmung führt zu rekordverdächtiger Kälte im Osten der USA und löst in Europa eine Gegenbewegung aus", sagt Marcus Beyer vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Selbst in Russland war es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahre 1891 in einem Dezember noch nie so warm. Und da sich an dieser großräumigen Verteilung nur wenig ändern wird, dürfte in Deutschland zumindest im Januar kein richtiger Winter einkehren.

Könnten sich die Extreme auch einmal umkehren? Eine Kältewelle wie jenseits des Atlantiks ist in Europa nicht möglich. Sickert hier Kaltluft ein, strömt sie häufig über Nordmeer und Nordsee und erwärmt sich dabei. Außerdem bilden die Alpen für die Mittelmeerländer eine meteorologische Barriere. Im Vergleich dazu gibt es in Nordamerika viel plattes Land, über dem sich anrückende Kälte nicht erwärmt und bis nach Florida ziehen kann.

Einzig die Großen Seen wirken wie gigantische Herdplatten, die zum sogenannten lake effect führen: Strömt die bitterkalte Luft über die vergleichsweise warmen Seen, gelangt Wasserdampf in höhere Luftschichten, und es entstehen Schneewolken. Bläst sie der Wind ans Ufer, werden die Wolken an Dünen und Hügeln regelrecht ausgepresst. In kurzer Zeit können so Ortschaften im Schnee versinken, während wenige Kilometer entfernt keine Flocke fällt.

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Ob der aktuelle arctic outbreak bereits Ausdruck des Klimawandels ist, gilt als eher unwahrscheinlich, lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen. Einige Fachaufsätze haben seit geraumer Zeit dokumentiert, dass der Jetstream stärker schlingert und zu extremen Wetterlagen führt. Ob das aber an der Arktisschmelze liegt, ist unter Klimatologen umstritten. Als Erklärung kommen auch natürliche Schwankungen der Meeresströmungen infrage, die über Jahrzehnte andauern, aber schlecht erforscht sind.