Es muss nicht schaden, wenn junge Schriftsteller gelegentlich Alkohol trinken, und ebenso wenig muss es schaden, wenn sie das gemeinsam verrichten. Sehr wohl aber kann es den eigenen Glauben an die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ramponieren, muss man ihnen dabei zusehen. Denn nüchterner als etwa auf dem letzten Berliner Open Mike im November nippte noch keine Autorengeneration an ihrem Bier. Präsentierten die Kandidaten bei diesem wichtigsten literarischen Nachwuchswettbewerb auf der Bühne vielfach gesellschaftlich interessierte Stoffe, so spielte derlei Bemühtes für die Palavergesellschaft während der Pausen keine Rolle. Wie mit Klemmbrett, Hosenanzug und angezogener Handbremse referierten hier zwanzigjährige Jungautoren über die Marktchancen einzelner Bekannter, großkalibrige Verlegerwechsel und das Termingeschäft ihres eigenen Debüts.

Jede Bildungsreisen-Rentnergruppe im Berliner Ensemble unterhält sich inhaltlich angeregter als die jungen Schriftsteller dieses Landes. Es ist unübersehbar, dass die Gegenwartsliteraten einen Funktionswandel durchmachen, der sich auch auf ihr Schreiben auswirken muss: Noch nie hat sich Konformität für sie so sehr ausgezahlt wie heute.

Früher war das alles selbstredend besser, wie immer und sowieso. Ich weiß das, ich bin nämlich schon 32. Dabei musste auch ich als Zwanzigjähriger meine erste Tür zum deutschen Literaturbetrieb nicht gerade mit der Axt aufhacken. Für mich war sie, und damit sind wir bei der Vorgeschichte des heutigen Konformismus, durchlässig wie Badeschaum. Ich musste mich förmlich nur der Länge nach hineinfallen lassen in das Prüfungszimmer J305 der Universität Hildesheim und von dort aus wiederum direkt hinein in ein Leben als möglicher Jungautor.

Ich war im Juni 2002 mit meinem Zivildienstausweis von Hamburg nach Hildesheim gereist, zur Eignungsprüfung für den vierten Jahrgang des neuen Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Weil ich ja Schriftsteller werden wollte, hatte ich mir von meinem Zivi-Geld eine Hornbrille gekauft und außerdem zur Vorbereitung Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit mit gelbem Textmarker durchgearbeitet. Ich bin bis ins 16. Jahrhundert gekommen. Als Bewerbungsmappe hatte ich wirre Liebesmonologe eingeschickt, denen ich zur Nobilitierung ein mir schleierhaftes Zitat des Philosophen Roland Barthes voranstellte, von dem mir zuerst die Älteren aus meiner Schul-Theater-AG vorgeschwärmt hatten. Die prüfenden Professoren in Raum J305 liebten mich für dieses Zitat und für meine Hornbrille und für mein kunsteuphorisches Auftreten vermutlich auch. Der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil extemporierte über sein eigenes wildes Studium in den Siebzigern und seine Barthes-Lesenächte. Ich wiederum lachte viel und an den richtigen Stellen. "Willkommen in Hildesheim!", rief Ortheil.

Wer wissen möchte, unter welchen Bedingungen sich derzeit Bildungsbürgertum reproduziert, der sollte auch die Ausbildungsstätten für deutsche Gegenwartsliteratur in den Blick nehmen. Gemeinsam mit dem 1995 neu begründeten Literaturinstitut Leipzig ist die Hildesheimer Einrichtung von 1999 längst die wichtigste Adresse für junge Autoren in Deutschland. In jeder Saison der letzten Jahre wurde mehr als die Hälfte aller bis in die Feuilletons vordringenden Romandebütanten an einem dieser beiden Institute ausgebildet.

Kreatives Schreiben studiert habe ich meiner Erinnerung nach mit Lehrerkindern und Ärztekindern und noch mehr Lehrerkindern und noch mehr Ärztekindern. Sicher gab es Ausnahmen, insgesamt aber handelte es sich um so ein dynastisches Familiending. Man kennt das von den Buddenbrooks, dritte Generation: Die in Hildesheim meist überaus westdeutschen Eltern von uns Schreibschulstudenten hatten noch etwas Anständiges studiert, abends gerne ihren Walser gelesen und zugleich ihr Geld klug angelegt. Meine Generationsgenossen und ich dann hatten bereits zu Schulzeiten unseren Theater-AGs gefrönt, fanden BWL und Naturwissenschaften profan und sublimierten überhaupt gerne vor uns hin.

Handelsketten, Verlagskooperationen und Literaturagenten spalten den Buchmarkt

Wer außer uns hätte auch in den wirtschaftlich bewegten Zeiten der nuller Jahre Motivation gehabt, neun Semester lang über eigene Kurzgeschichten-Ideen zu diskutieren? Die erschütternd wenigen Mitschüler aus meinem Heidelberger Gymnasium, die nicht der etabliertesten Mittelschicht angehörten, hatten definitiv andere Interessen als ein Dichter-Studium. In den gelingendsten Fällen wurden sie App-Entwickler, es gelten die goldenen Worte der Wikipedia-Chefin Sue Gardner: "Die besten Köpfe meiner Generation denken nur noch darüber nach, wie man Menschen dazu verleitet, auf Werbung zu klicken."

Die Erfolgsgeschichte der deutschen Schreibschulen ist also die Dominanzgeschichte eines einzigen beharrenden Milieus. Die zwanzigjährigen Rolf Dieter Brinkmanns von heute machen alles Mögliche, bloß nicht ausgerechnet die Literatur mit abweichenden Stimmen und Erfahrungshintergründen anreichern. Was wiederum bloß Seitenepisode eines größeren Umwandlungsprozesses ist, der längst das gesamte literarische Feld betrifft. Der britische Buchwissenschaftler John B. Thompson spricht von einer "Spaltung" des Buchmarkts, die durch drei Kräfte vorangetrieben wurde: den Aufstieg mächtiger Handelsketten, den Aufstieg riesiger Verlagskorporationen und den Aufstieg einflussreicher Literaturagenten, die wahre Börsenhypes rund um einzelne Bücher lostreten können.

Gemeinsam erhöhen diese drei Veränderungen den Selektionsdruck. Obwohl insgesamt immer mehr Bücher publiziert werden, entscheidet eine immer kleinere Konstellation von Großagenten, Großverlagen und Großhändlern, welche dieser Bücher die Chance erhalten, zu deutlich sichtbaren Erfolgen hochgepusht zu werden. Wer heute als Autor erfolgreich sein will, der muss in diese Kreise eintreten. Mit innerhalb des vergangenen Jahrzehnts rapide gewachsener Wahrscheinlichkeit gehört er zu einer ganz bestimmten In-crowd aus publizierenden Prominenten und Buchmarktleuten, Journalisten und Betriebsnudeln. Er ist Teil eines informellen Geflechts, das sich vor allem dadurch definiert, dass die allermeisten Schreibenden niemals andocken können.

Inmitten dieser den Buchmarkt umstülpenden Transformation saß ich als zwanzigjähriger Hornbrillen-Jungautor ab 2002 in meinen Schreibwerkstätten. Es waren die letzten Jahre vor den Bologna-Reformen, schöner als damals in Hildesheim konnte man kaum studieren. Wir kritisierten unsere Romanversuche gegenseitig in Schutt und Asche und trafen echte Dichter. Wir lasen uns auf Venedig-Exkursion Joseph Brodsky vor und präsentierten uns bei einer alljährlichen Lektorenkonferenz, zu der die wichtigsten Lektoren für Gegenwartsliteratur eigens nach Hildesheim anreisten. Wir gaben eine Literaturzeitschrift heraus und gründeten etwas später sogar ein vom Betrieb freudvoll aufgenommenes Literaturfestival. Kurzum: Wir machten großartige Sachen, und wir machten zugleich höchst professionelle Sachen.

Und heute, zwölf Jahre später? Nun: Irgendwann endet sogar eine Dichterausbildung. Ein zweites Mal spielte die soziale Selektionsmaschine Schicksal. Denn für Endzwanziger bedeutet es nun einmal eine Fundamentalentscheidung gegen jegliche Art von realistischer Zukunftsplanung, nach dem Studium über Jahre hinweg an einem möglichst fulminanten Debütroman zu laborieren. Ein Kommilitone, der zwischen seinem zwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr nichts getan hatte, als in seiner Schreibklause sprachkritische Gedichte auf den Spuren Thomas Klings zu schreiben, verdingte sich irgendwann notgedrungen zuerst im Callcenter und schließlich bei einer PR-Agentur, dichtet daneben aber noch heute. Aus meinem Diplomschriftsteller-Jahrgang gingen weiter hervor: zwei Werbetexter, eine Anwaltsfachangestellte, eine Marketingberaterin und ein selbstständiger Tontechniker.

Als hauptberufliche Schriftsteller aber plumpsten nicht einfach die beliebig talentiertesten Lehrer- und Ärztekinder des Studiengangs vom Fließband. Natürlich gibt es auch einige Olga Grjasnowas, Saša Stanišićs und Clemens Meyers da draußen, wobei übrigens auch jemand mit Häkchen über dem Nachnamen humanistische Bildung genossen haben kann, und mir persönlich überhaupt alle drei Autoren unangenehm häufig auf ihre angeblich artfremden Hintergründe hin exotisiert werden. Insgesamt aber reüssierten meiner Wahrnehmung nach in Hildesheim und Leipzig ganz besonders die Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern: Professorenkinder wie Nora Bossong, Paul Brodowsky oder auch ich, eine Bundestagsdirektoren-Tochter wie Juli Zeh, ein Richtersohn wie Thomas Pletzinger, ein Managersohn wie Leif Randt. Zwar mit typisch akademischem Hungergehalt, dafür aber mit sozialem Glanz verbunden sind auch die Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter an den Schreibinstituten. In Hildesheim besetzen diese auffälligerweise von Hunderten Absolventen mit den Autoren Kevin Kuhn und Thomas Klupp zwei Söhne aus allerbesten Familien. Thomas lebt inzwischen in der Nähe von Hildesheim unter letztlich neofeudalen Bedingungen, in einem hinreißenden klassizistischen Herrenhaus mit angeschlossenen Parkanlagen.

"Wir leben alle von unseren Familien" müsste es heute über junge Autoren heißen

"Wir lebten alle vom Rundfunk", hieß es einst über die Gruppe 47. "Wir leben alle von unseren Familien", müsste man heute sagen. Oft schon ist zwar behauptet worden, das heutige Schriftsteller-Berufsbild sei aus dem Preis- und Stipendienwesen zu erklären. Dabei muss man es sich offensichtlich erst einmal leisten können, überhaupt erfolgreich prekärer Autor zu werden. Das gilt schon rein finanziell, mögliche Notfallüberweisungen der Bürgereltern erlauben eben ein ganz anderes Heranschreiben an glorreiche Stadtschreiberposten.

Das gilt aber vor allem auch habituell: In einem starren kulturellen Milieu, in dem Debütantenruhm besonders durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird, bewährt es sich am allermeisten, so richtig dazuzugehören und ebenso geschmeidig professionell wie die gentlemen of the jury zu sein. Das ist der Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter.

Kommt es in diesem Klima bei einem Literaturwettbewerb wie dem Open Mike zu Texten mit gesellschaftlicher Dringlichkeit, so bedeutet das alles Mögliche, bloß keine Repolitisierung der deutschsprachigen Literatur. Themen und Meinungen sind jederzeit austauschbar, gespielt wird mit ihnen bloß Distinktionsbingo. Wenn der Begriff Chick Lit anspruchslose Frauenliteratur bezeichnet, dann müsste die gegenwärtige satte Form von ästhetischer Bürgerkinder-Anspruchslosigkeit wohl Speck Lit heißen. Diplomatisch wohlgesonnen jedenfalls ist der aktuelle Debütprofi gegenüber allem gleichermaßen. Er nippt an seiner Bierflasche, debattiert inhaltlich und politisch lieber rein gar nichts und macht ansonsten genau das, was auch ich bei meiner Institutsbewerbung zu Anfang der Geschichte der deutschen Schreibschulen getan habe: immer an den richtigen Stellen lachen.

Dieser Essay ist einer von zehn Beiträgen in der Anthologie Irgendwas
mit Schreiben. Diplomschriftsteller im Beruf, herausgegeben von Jan
Fischer. Die Anthologie erscheint in Kürze im Verlag mikrotext.

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