"Wir lebten alle vom Rundfunk", hieß es einst über die Gruppe 47. "Wir leben alle von unseren Familien", müsste man heute sagen. Oft schon ist zwar behauptet worden, das heutige Schriftsteller-Berufsbild sei aus dem Preis- und Stipendienwesen zu erklären. Dabei muss man es sich offensichtlich erst einmal leisten können, überhaupt erfolgreich prekärer Autor zu werden. Das gilt schon rein finanziell, mögliche Notfallüberweisungen der Bürgereltern erlauben eben ein ganz anderes Heranschreiben an glorreiche Stadtschreiberposten.

Das gilt aber vor allem auch habituell: In einem starren kulturellen Milieu, in dem Debütantenruhm besonders durch einige wenige Literaturredakteure und die mit ihnen identischen preisvergebenden Juroren erzeugt wird, bewährt es sich am allermeisten, so richtig dazuzugehören und ebenso geschmeidig professionell wie die gentlemen of the jury zu sein. Das ist der Heintje-Effekt der deutschen Literatur: Immer jüngere Autoren verhalten sich immer braver immer älter.

Kommt es in diesem Klima bei einem Literaturwettbewerb wie dem Open Mike zu Texten mit gesellschaftlicher Dringlichkeit, so bedeutet das alles Mögliche, bloß keine Repolitisierung der deutschsprachigen Literatur. Themen und Meinungen sind jederzeit austauschbar, gespielt wird mit ihnen bloß Distinktionsbingo. Wenn der Begriff Chick Lit anspruchslose Frauenliteratur bezeichnet, dann müsste die gegenwärtige satte Form von ästhetischer Bürgerkinder-Anspruchslosigkeit wohl Speck Lit heißen. Diplomatisch wohlgesonnen jedenfalls ist der aktuelle Debütprofi gegenüber allem gleichermaßen. Er nippt an seiner Bierflasche, debattiert inhaltlich und politisch lieber rein gar nichts und macht ansonsten genau das, was auch ich bei meiner Institutsbewerbung zu Anfang der Geschichte der deutschen Schreibschulen getan habe: immer an den richtigen Stellen lachen.

Dieser Essay ist einer von zehn Beiträgen in der Anthologie Irgendwas
mit Schreiben. Diplomschriftsteller im Beruf, herausgegeben von Jan
Fischer. Die Anthologie erscheint in Kürze im Verlag mikrotext.

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