Er müsse "mal wieder das eigene Nest beschmutzen", mit diesen Worten wandte sich Herausgeber Rudolf Augstein im März 1964, zum 50. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, an die Spiegel-Leser. In der Schule habe man ihnen beigebracht, dass dieser Krieg "einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen" sei und alle Mächte – nach dem viel zitierten Wort des britischen Premiers Lloyd George – "in den Krieg hineingeschlittert" seien. Doch davon könne nach den "neuesten Forschungen" nicht die Rede sein. "Beide Weltkriege waren deutsche Kriege um die Hegemonie in Europa, um den ersten Platz in der Welt. Deutschland hat sie bewußt riskiert und erschöpfend verloren."

Bei den "neuesten Forschungen", auf die sich Augstein bezog, handelte es sich um das Buch Griff nach der Weltmacht des Hamburger Historikers Fritz Fischer, das im Herbst 1961 erschienen war. Es hatte für Furore gesorgt, weil es mit einer liebevoll gepflegten nationalen Legende brach: der von Deutschlands Unschuld am Ersten Weltkrieg. In der Folge druckte der Spiegel im Gedenkjahr 1964 die ersten Kapitel aus der dritten Auflage des Buches nach und machte so Fischers Thesen einem breiten Publikum bekannt.

Fünfzig Jahre später, zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns, steht wieder ein Buch im Zentrum der Aufmerksamkeit, Christopher Clarks Die Schlafwandler. Doch anders als im Falle Fischers sorgt es nicht für Streit, sondern findet allseits Zustimmung. "Die Deutschen tragen Schuld am Ersten Weltkrieg – aber nicht mehr als andere", verkündete der Spiegel in seiner Kritik. Ähnlich tönt es seit Erscheinen der deutschen Übersetzung vor wenigen Monaten auf allen Kanälen und aus (fast) allen Zeitungen: Endlich habe Clark die längst fällige Revision vollzogen, endlich könne man die einst sakrosankte Fischer-These von Deutschlands Alleinschuld an der Katastrophe ad acta legen.

Fritz Fischer sprach nie von der deutschen Alleinschuld

Was die Lobredner Clarks geflissentlich übersehen, ist, dass Fritz Fischer niemals von der deutschen Alleinschuld gesprochen hat. Allerdings hat das Missverständnis die Rezeption seines Buches von Anfang an begleitet. "Professor Fischers These von der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg wird noch viele Diskussionen auslösen", überschrieb die politische Redaktion der ZEIT die erste große Rezension des Buches Griff nach der Weltmacht im November 1961 – übrigens sehr zum Ärger des Rezensenten Paul Sethe, der voraussah, dass diese redaktionelle Fehlleistung Fischer noch viel Kummer bereiten würde.

Fritz Fischer dementierte denn auch umgehend in der ZEIT. Er habe in seinem Buch lediglich festgestellt, dass die deutsche Reichsleitung "einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges" trage. Doch das Reizwort war nun einmal in der Welt, und es rührte an eine immer noch schwärende Wunde: den Artikel 231 des Versailler Vertrages von 1919, den sogenannten Kriegsschuldparagrafen, der allein dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die Urheberschaft am Ersten Weltkrieg zugesprochen hatte.

Die Reaktionen der Zunft waren harsch bis hitzig. Was Fischer in den ersten Kapiteln seines "dicken Wälzers" vorbringe, entrüstete sich der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, seines Zeichens Frontkämpfer von 1915 bis 1918, in einem Brief an seinen Kölner Kollegen Theodor Schieder, sei "doch eine erschütternde Neuauflage von Anklagen einer fernen Vergangenheit". Dieser "Herausforderung an die ganze deutsche Historikerschaft" müsse man entschieden entgegentreten.

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So begann die "Fischer-Kontroverse" – der aufwühlendste und langfristig folgenreichste Historikerstreit in der Geschichte der Bundesrepublik. Seinen Höhepunkt fand er auf dem Berliner Historikertag 1964, wo die Kontrahenten erstmals vor laufenden Kameras im direkten Schlagabtausch aufeinandertrafen. Gerhard Ritter und seine Mitstreiter, Egmont Zechlin aus Hamburg und Erwin Hölzle aus Konstanz, gerieten dort rasch in die Defensive; die Sympathien des vorwiegend studentischen Publikums wandten sich Fritz Fischer und seinen Schülern Imanuel Geiss und Helmut Böhme zu. Hier deuteten sich Verschiebungen im politischen und intellektuellen Klima der Republik an, die zur Revolte der Studenten von 1967/68 und zur ersten sozialliberalen Koalition ein Jahr darauf führen sollten.