Gut gelaunt ins Stahlbad: Wilhelm II. (vorne links) mit seinen Söhnen am Neujahrstag 1913 in Berlin © bpk

Er müsse "mal wieder das eigene Nest beschmutzen", mit diesen Worten wandte sich Herausgeber Rudolf Augstein im März 1964, zum 50. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs, an die Spiegel-Leser. In der Schule habe man ihnen beigebracht, dass dieser Krieg "einer unglücklichen Verkettung von Umständen entsprungen" sei und alle Mächte – nach dem viel zitierten Wort des britischen Premiers Lloyd George – "in den Krieg hineingeschlittert" seien. Doch davon könne nach den "neuesten Forschungen" nicht die Rede sein. "Beide Weltkriege waren deutsche Kriege um die Hegemonie in Europa, um den ersten Platz in der Welt. Deutschland hat sie bewußt riskiert und erschöpfend verloren."

Bei den "neuesten Forschungen", auf die sich Augstein bezog, handelte es sich um das Buch Griff nach der Weltmacht des Hamburger Historikers Fritz Fischer, das im Herbst 1961 erschienen war. Es hatte für Furore gesorgt, weil es mit einer liebevoll gepflegten nationalen Legende brach: der von Deutschlands Unschuld am Ersten Weltkrieg. In der Folge druckte der Spiegel im Gedenkjahr 1964 die ersten Kapitel aus der dritten Auflage des Buches nach und machte so Fischers Thesen einem breiten Publikum bekannt.

Fünfzig Jahre später, zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns, steht wieder ein Buch im Zentrum der Aufmerksamkeit, Christopher Clarks Die Schlafwandler. Doch anders als im Falle Fischers sorgt es nicht für Streit, sondern findet allseits Zustimmung. "Die Deutschen tragen Schuld am Ersten Weltkrieg – aber nicht mehr als andere", verkündete der Spiegel in seiner Kritik. Ähnlich tönt es seit Erscheinen der deutschen Übersetzung vor wenigen Monaten auf allen Kanälen und aus (fast) allen Zeitungen: Endlich habe Clark die längst fällige Revision vollzogen, endlich könne man die einst sakrosankte Fischer-These von Deutschlands Alleinschuld an der Katastrophe ad acta legen.

Fritz Fischer sprach nie von der deutschen Alleinschuld

Was die Lobredner Clarks geflissentlich übersehen, ist, dass Fritz Fischer niemals von der deutschen Alleinschuld gesprochen hat. Allerdings hat das Missverständnis die Rezeption seines Buches von Anfang an begleitet. "Professor Fischers These von der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg wird noch viele Diskussionen auslösen", überschrieb die politische Redaktion der ZEIT die erste große Rezension des Buches Griff nach der Weltmacht im November 1961 – übrigens sehr zum Ärger des Rezensenten Paul Sethe, der voraussah, dass diese redaktionelle Fehlleistung Fischer noch viel Kummer bereiten würde.

Fritz Fischer dementierte denn auch umgehend in der ZEIT. Er habe in seinem Buch lediglich festgestellt, dass die deutsche Reichsleitung "einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges" trage. Doch das Reizwort war nun einmal in der Welt, und es rührte an eine immer noch schwärende Wunde: den Artikel 231 des Versailler Vertrages von 1919, den sogenannten Kriegsschuldparagrafen, der allein dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten die Urheberschaft am Ersten Weltkrieg zugesprochen hatte.

Die Reaktionen der Zunft waren harsch bis hitzig. Was Fischer in den ersten Kapiteln seines "dicken Wälzers" vorbringe, entrüstete sich der Freiburger Historiker Gerhard Ritter, seines Zeichens Frontkämpfer von 1915 bis 1918, in einem Brief an seinen Kölner Kollegen Theodor Schieder, sei "doch eine erschütternde Neuauflage von Anklagen einer fernen Vergangenheit". Dieser "Herausforderung an die ganze deutsche Historikerschaft" müsse man entschieden entgegentreten.

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So begann die "Fischer-Kontroverse" – der aufwühlendste und langfristig folgenreichste Historikerstreit in der Geschichte der Bundesrepublik. Seinen Höhepunkt fand er auf dem Berliner Historikertag 1964, wo die Kontrahenten erstmals vor laufenden Kameras im direkten Schlagabtausch aufeinandertrafen. Gerhard Ritter und seine Mitstreiter, Egmont Zechlin aus Hamburg und Erwin Hölzle aus Konstanz, gerieten dort rasch in die Defensive; die Sympathien des vorwiegend studentischen Publikums wandten sich Fritz Fischer und seinen Schülern Imanuel Geiss und Helmut Böhme zu. Hier deuteten sich Verschiebungen im politischen und intellektuellen Klima der Republik an, die zur Revolte der Studenten von 1967/68 und zur ersten sozialliberalen Koalition ein Jahr darauf führen sollten.

Fischer wird geschmäht wie in den sechziger Jahren

Mit der sich über viele Jahre hinziehenden Fischer-Kontroverse war das bis dahin unangefochtene konservative Deutungsmonopol gebrochen. Deutschlands Hauptverantwortlichkeit für die Auslösung des Krieges im Sommer 1914 war seitdem kaum mehr strittig. Gestritten wurde freilich weiter über die Motive der deutschen Politik in der Julikrise: Waren sie offensiver oder defensiver Natur? Oder vielleicht beides zugleich?

Den Krieg nicht gewollt, aber in Kauf genommen

Der Historiker Fritz Fischer wurde mit dem Buch "Griff nach der Weltmacht" international bekannt. Doch bis heute schmähen ihn viele deutsche Kollegen. © dpa

Nicht durchgesetzt hat sich Fischer mit seiner in späteren Arbeiten verschärften These, die Reichsleitung habe seit dem berüchtigten "Kriegsrat" vom Dezember 1912 den großen Krieg geplant und ihn eineinhalb Jahre später zielstrebig herbeigeführt. Mehr Plausibilität erlangte eine konkurrierende Deutung: Danach hatten Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und das Auswärtige Amt nach dem Attentat von Sarajevo im Juni 1914 eine hochgefährliche Strategie des "kalkulierten Risikos" eingeschlagen, die den großen Krieg zwar nicht gewollt, ihn aber bewusst als Option in Kauf genommen hatte.

Von derlei Differenzierungen wollen die neuen Apologeten freilich nichts wissen. Nicht nur halten sie unverdrossen am Popanz der angeblichen "Alleinschuld"-These fest; sie unterstellen auch, Fischers Sicht habe die Forschung in der Bundesrepublik lange Zeit einseitig dominiert. Dass Deutschland zwei Weltkriege angezettelt habe, sei bislang "weitgehend Konsens" gewesen, klagt zum Beispiel die Publizistin Cora Stephan in der Welt, um gleich darauf triumphierend festzustellen, dass nach Clarks "minutiösen Analysen" von einer deutschen "Schuld" am Ersten Weltkrieg nicht mehr die Rede sein könne, die Verantwortung dafür vielmehr alle beteiligten Nationen gleichermaßen treffe. Das ist die neue alte Lesart: Die Staatsmänner Europas haben gleichsam unwillentlich agiert, wie "Schlafwandler" eben, die sich der gefährlichen Konsequenzen ihres Tuns nicht bewusst sind.

Fritz Fischers Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert.
Herfried Münkler, Politologe

Die Begeisterung für diese "neue Sicht" geht einher mit einer Herabsetzung Fritz Fischers, die in manchem an die Kampagne gegen ihn in den sechziger Jahren erinnert. Den Vogel schießt dabei zweifellos der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler ab, dessen neues Buch über den Ersten Weltkrieg sich als Fortsetzung des Clarkschen Werkes lesen lässt. Hatte Gerhard Ritter mit Blick auf Fischers Buch noch von "völlig unreifen Thesen" gesprochen, so erklärte Münkler jüngst in einem bemerkenswerten Interview in der Süddeutschen Zeitung, "Fritz Fischers Methodik würde heute in keinem Proseminar mehr akzeptiert".

"Politischer Masochismus" oder Kehren vor der eigenen Tür

Gewiss, Fischers Studien waren, anders als die Clarks, nicht international vergleichend angelegt – es war nach den Verbrechen des Nationalsozialismus ja auch angezeigt, zunächst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren. Aber darf man deshalb mit Münkler sein gesamtes Werk als "gut gemeinte Psychotherapie, aber keine Wissenschaft" abqualifizieren? Das ist, schon allein angesichts der historischen Leistung und des internationalen Renommees Fischers, ebenso präpotent wie abwegig.

Der australische Historiker Christopher Clark hat zum 100. Jahrestag des ersten Weltkriegs das Buch "Die Schlafwandler" herausgebracht. © Marc Müller/dpa

"Politischer Masochismus" – so hieß die Formel, mit der Fischers Gegner seinerzeit sein Werk in Misskredit zu bringen suchten. Heute lautet der Vorwurf: "Schuldstolz". Er richtet sich nun auch gegen die Kritiker Clarks, die immer noch nicht von der These der deutschen Hauptverantwortung für den Ersten Weltkrieg ablassen wollen. Sie stünden geradezu unter dem Zwang, immer wieder die deutsche Schuld bekennen zu müssen, ja zögen daraus die höchste Befriedigung.

In solchen Attacken wird deutlich, worauf der teils schrille deutsche Jubel über Clarks Schlafwandler letztlich zielt: Es geht um eine geschichtspolitische Weichenstellung. Was den Konservativen im "Historikerstreit" der achtziger Jahre noch missglückte – nämlich die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen –, das soll jetzt gelingen. Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war. In der Zunft scheint man des Streites müde geworden zu sein.

Von Clark lässt man sich gerne Versöhnliches sagen

Christopher Clarks Buch ist in England sehr viel zurückhaltender aufgenommen worden als in Deutschland. Es überrasche ihn, merkte etwa der Rezensent des Spectator ironisch an, dass Clark bei seinen Vorlesungen noch keine Pickelhaube trage. Hierzulande gilt der sympathische Historiker aus Cambridge, nicht zuletzt wegen seiner australischen Herkunft, als unvoreingenommen; von ihm lässt man sich gern Versöhnliches über die preußisch-deutsche Geschichte sagen. So kann man von konservativer Seite denn auch problemlos anknüpfen an die nationale "Meistererzählung" zum Ersten Weltkrieg, wie sie vor der Fischer-Kontroverse kanonische Geltung besaß.

Es gibt offensichtlich Entlastungsbedürfnisse

Keine Frage: Der Blick über den nationalen Tellerrand ist notwendig, ist selbstverständlich. Auch die anderen europäischen Nationen tragen Verantwortung für den Beginn des Weltkriegs. Deutschland war vor 1914 wahrlich nicht der einzige Störenfried im Mächtekonzert – das haben viele wissenschaftliche Studien der vergangenen Jahre gezeigt, und hier liegen auch die Stärken von Christopher Clarks Buch. Aber es waren eben die Regierungen in Wien und Berlin, welche die Julikrise zur Machtprobe nutzten, es war vor allem die deutsche Reichsleitung, die mit ihrem "Blankoscheck" an den österreichisch-ungarischen Bundesgenossen vom 5./6. Juli 1914 für die entscheidende Eskalation sorgte. Dieser Wille zur Zuspitzung unterscheidet die Julikrise von den vielen anderen, die in den Jahren zuvor immer noch entschärft werden konnten. Bislang sind keine Quellen bekannt geworden – und auch Clark führt sie nicht an –, die diese Erkenntnis erschüttern könnten.

Aber geht es überhaupt noch um historische Tatsachen? Die Schuldfrage spiele keine wichtige Rolle mehr, haben zuletzt Dominik Geppert, Sönke Neitzel, Cora Stephan und Thomas Weber in einem gemeinsam gezeichneten Manifest in der Welt behauptet. Und doch ist ihr Artikel überschrieben: Warum Deutschland nicht allein schuld ist. Die Schuldfrage besser nicht mehr stellen zu wollen, weil einem womöglich die Antwort nicht passt: Das ist ein sehr durchsichtiges Manöver. Und so lässt sich der über alle Erwartungen große Erfolg von Clarks Buch wohl nicht allein auf den guten Stil des Autors zurückführen. Offenkundig spielen hier auch tief sitzende Entlastungsbedürfnisse eine Rolle: Wenn schon die deutsche Alleinschuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs außer Zweifel steht, so will man doch wenigstens nicht am Ersten Weltkrieg schuld gewesen sein, jedenfalls nicht schuldiger als die anderen Mächte.

Dieser Wunsch scheint umso übermächtiger zu werden, je mehr Deutschland aufgrund seiner ökonomischen Stärke eine führende Rolle in Europa spielt. Wieder sind hier die wunderlichen Interview-Äußerungen von Herfried Münkler in der SZ von erfrischender Deutlichkeit: "Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen."