Ist Kunst nicht immer auch Betrug? Sie hintergeht die Wirklichkeit, sie will uns täuschen. Ein Stillleben breitet die köstlichen Pfirsiche aus, Melonen, Trauben, man meint, sie auf der Zunge zu schmecken. Und doch sind sie nichts als ästhetischer Schwindel. Jeder gute Maler muss das können, er muss ein Betrüger sein. Was aber ist dann Wolfgang Beltracchi?

Ihm und drei Helfershelfern glückte der größte Kunstbetrug der deutschen Kriminalgeschichte. Seine Bilder schafften es bis nach New York ins berühmte Museum of Modern Art. Die wichtigsten Auktionshäuser verkauften seine Werke und erzielten Millionensummen. Und noch die größten Experten priesen die Werke des Wolfgang Beltracchi. Allerdings war sein Geschäft nicht nur Augentrug, es war auch eine Straftat. Stets malte er Bilder, die so aussahen, als stammten sie von Max Ernst, Heinrich Campendonk oder Max Pechstein. Er setzte auch ihre Namen unter die Werke und machte sie zu Geld. Das Kölner Landgericht verurteilte ihn 2011 zu sechs Jahren Haft. Geschätzte Schadenssumme: 34 Millionen Euro.

Beltracchi hat ja nicht nur ein paar reiche Kunstsammler um ihr Geld gebracht. Er hat nicht allein honorige Wissenschaftler wie Werner Spies hinters Licht geführt und ihren Ruf beschädigt. Er verfälschte auch die Kunstgeschichte. Viele seiner Bilder beziehen sich auf Werke, die einst jüdischen Besitzern entwendet worden waren und im Krieg verloren gingen. Wären nicht am Ende einige von Beltracchis Kunden skeptisch gewesen und hätten nicht gründliche Untersuchungen seine Werke entlarvt – er würde noch immer ein Leben im Luxus führen, mit eigenem Landgut in Südfrankreich und einer Villa in Freiburg.

Nach allen Skandalen hat sich in der Kunstwelt kaum etwas verändert

Allerdings hat er vor Gericht nur wenige Fälschungen eingestanden. Mehrere Hundert Bilder aber hat er gemalt. Und viele davon hängen, weiterhin unerkannt, in Museen und Sammlungen. Deshalb ist es wichtig, dem Fall Beltracchi weiterhin nachzugehen und die Fälscher zu befragen, so wie wir es hier tun. Das Buch, aus dem wir Auszüge drucken, ist ein erschreckendes Lehrstück: So einfach ist es, die Kunstwelt zu täuschen. So groß ist die Leichtgläubigkeit vieler Galerien, Auktionshäuser und Museen. So gewaltig ist die Gier.

Rund ein Drittel (!) aller gehandelten Bilder, Skulpturen und vor allem Grafiken sollen Fälschungen sein, Werke im Wert von zwei Milliarden Euro jährlich. Doch nehmen die wenigsten Händler ihre Sorgfaltspflicht ernst. Sie melden Verdachtsfälle nicht der Polizei, weil ihnen Diskretion wichtiger ist als Aufklärung, sie wollen ihre Einlieferer nicht verprellen. Auch manche Kunsthistoriker spielen mit und verlassen sich dabei ganz auf ihr vermeintlich unfehlbares Auge. So ist es weiterhin unüblich, teure Kunstwerke vor Handelsabschluss naturwissenschaftlich durchleuchten zu lassen.

Immer wieder haben große Fälscherskandale das Kunstsystem erschüttert, doch wirklich geändert hat sich bis heute nur wenig. Weiterhin entstehen neue Giacomettis, Picassos, Dalís, van Goghs, und immer schwieriger wird es, die wahren von den erschwindelten Werken zu unterscheiden. Wenn aber alles nur Fake zu sein scheint, wer soll die Kunst dann noch ernst nehmen?

Jemand, der sich für Kunst begeistert, will von ihr eingenommen, will von ihr betrogen werden. Einer wie Beltracchi aber ist ein Betrüger am Betrug. Er drängt sich hinein in die ästhetische Erfahrung, wir schauen mit anderen Augen auf die Kunst. Denn wenn Bilder, die angeblich aus einer fernen Zeit auf uns gekommen sind, plötzlich als Werke der Gegenwart erscheinen, dann bleibt von ihrer Bedeutung wenig übrig. Sie erlauben es dem Betrachter nicht länger, über sich selbst hinausschauend einer Welt zu begegnen, die nicht die seine ist. Eine Fälschung zeugt immer nur von den Projektionen des Jetzt. Und das bedeutet, auch wenn es abstrus klingt: Wir müssen Beltracchi dankbar sein. Bei ihm lässt sich erfahren, wie wichtig das Original noch immer ist. Und wie kostbar die Kunst in ihrer Unverfügbarkeit.