Leonardo DiCaprio gibt Autogramme anlässlich der Londoner Premiere des Films "Wolf of Wall Street". © Anthony Harvey/Getty Images für Universal Pictures

Der Film ist ein Exzess. Die Helden von The Wolf of Wall Street schnupfen Koks, das auf Brüsten oder Hintern thront. Sie werfen sich Pillen ein, saufen, haben wilden Sex mit den Frauen zu Hause und den Nutten im Büro. Sie fahren Autos zu Schrott und eine Jacht in den Sturm. Leonardo DiCaprio spielt den Börsenhändler Jordan Belfort, der seine Mitarbeiter wahlweise "meine Krieger" oder "Telefonterroristen" nennt und seine Kunden "fickt", indem er ihnen Schrottpapiere unterjubelt oder sie bei Börsengängen betrügt. Alles gleicht einem dreistündigen Rausch, der den Kater schon in sich trägt.

Belforts Exzesse in den neunziger Jahren sind legendär. Ein alter Kompagnon erzählte dieser Tage, wie er ihn einmal fragte, ob es ihm etwas ausmache, dass er alten Frauen ihre Ersparnisse stehle. Antwort: "Natürlich. Was denkst du, warum wir all diese Drogen nahmen?"

Auffällig ist, dass der Film sich kaum für die Finanztricks interessiert. DiCaprio als Belfort sagt im Wesentlichen nur: "War das alles legal? Nein, absolut nicht. Aber wir machten viel Geld." Und DiCaprio, der Schauspieler, meint, er verstehe auch nicht alle Details, aber egal: "Wenn du einen Film machst, der sich wirklich um die Abläufe an der Börse dreht, steigen dir die Leute aus."

In seinem Desinteresse unterscheidet sich The Wolf of Wall Street wenig von anderen Filmen wie Wall Street oder Margin Call. Es spiegelt wider, dass uns als Gesellschaft das, was in der Finanzwelt läuft, letztlich nicht interessiert – Finanzkrise hin, Finanzkrise her. Fast immer geht es uns um Helden und Schurken, um das Drama, die gute Geschichte, die Zahl unterm Strich.

Bloß führt genau dieses Desinteresse im Detail dazu, dass es in der realen Welt zu absurd scheinenden Schmierenstücken kommt. Die Gesellschaft hat nicht richtig hingesehen, während es geschah. In Boomzeiten führt das Desinteresse dazu, dass Menschen auf Betrüger und allzu gewitzte Banker hereinfallen. Denn, wie es im Film heißt: "Jeder Mensch will reich werden." Da werden dann nur wenige Berichte über die Tücken in den Verträgen oder die Gefahren von Gesetzeslücken öffentlich – die Geschichte über den neuen Börsenstar, sein New Yorker Penthouse und seine Partys wird allemal lieber gelesen werden. Und selbst wenn Berichte über die Ungereimtheiten neuer Produkte erscheinen, landen sie doch oft eher weiter hinten in der Zeitung.

Erst in der darauffolgenden Krise wird es wieder interessant. Banken kippen, Manager verlieren ihre Jobs, Bürger ihr Vermögen und ihre Häuser. Das sind menschliche Schicksale, das versteht jeder, das weckt Wut. In dieser Phase des Zyklus schauen die Menschen auf die Finanzwelt, hören fassungslos zu, was sich alles zugetragen hat. Auf einmal befasst man sich mit Produkten, die zuvor zu kompliziert schienen.

Schnell aber setzt das Desinteresse wieder ein. In dieser Phase leben wir gerade – denn sosehr Bürger die Krise aufgearbeitet wissen wollen, so wenig interessieren sie sich doch für die Facetten. Stichwort Bankenregulierung: Banken aufzuspalten und Boni zu kürzen, das versteht man noch. Doch schon die Fragen, wie viel Kapital eine Bank für den Krisenfall vorhalten muss und wie sie ihre Finanzierung im Alltag sicherstellt, sind zu viel – aber leider entscheidend!

Die Bürger verlassen sich auf den Staat, der soll aufpassen. Doch zum einen sind die Experten des Staates oft sehr nahe an der Gedankenwelt derer, die sie bewachen sollen. Zum anderen tragen auch die Kunden eine Verantwortung. Wenn ein Anbieter mit acht Prozent Rendite im Jahr wirbt, muss man schon mal fragen, wie gefährlich das ist.

Meist aber wären es die naiven Fragen der Laien, die die Schwachstellen bloßlegten: Wie funktioniert dieses Produkt? Was habe ich davon? Wer trägt das Risiko? Ist es sinnvoll, sein ganzes Geld auf eine Karte zu setzen? Was verdient die Bank dabei?

Mit etwas mehr Interesse für die Details würden viele verhängnisvolle Verträge gar nicht erst geschlossen. Mit etwas mehr Mut zu einfachen Fragen würden viele Tücken neuer Produkte offenbar. Und mit etwas mehr Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen würde vieles, was die Finanzwelt als Innovation verkauft, als Hokuspokus entlarvt. Zugleich ließe sich wohl auch ein besserer Weg finden zwischen einer Welt populistischer Regulierungsvorschläge und einer Welt, in der die Experten der Banken mit den Experten des Staates gemeinsam das Regelwerk für die Finanzbranche formulieren.

Am Ende von The Wolf of Wall Street steht Leonardo DiCaprio alias Jordan Belfort vor Menschen, die dem zum Verkaufstrainer gewordenen Betrüger zuhören. Er bittet einige von ihnen, ihm einen Kugelschreiber zu verkaufen. Sie versuchen es, mehr oder weniger hilflos. Der Zuschauer weiß, dass Belfort ihnen gleich eines erklären wird: Es geht darum, bei einem Menschen ein Bedürfnis zu wecken – dann steckt er in der Falle. Belfort hat das begriffen. Die Finanzwelt hat das begriffen. Viele Menschen wollen glauben, nicht wissen. Und genau deswegen stehen sie allzu oft auf der falschen Seite.