Draußen verwandelt sich der Dezemberhimmel in eine kitschige gold-lila Wolkenlandschaft. Meine beiden Schwestern und ich sitzen in unserem Kreuzberger Lieblingscafé. Meine kleine Schwester sagt: "Na ja, wir üben jetzt Existenzangst. Wir machen eine Art Testlauf für das Erwachsenenleben. Falls uns am Ende des Monats das Geld ausgeht, können wir immer noch Mama fragen, ob wir zum Abendessen vorbeikommen dürfen."

Stimmt schon. Bis wir endgültig auf eigenen Beinen stehen, haben wir ein Sicherheitsnetz. Das ist ein großer Luxus. Als ich nach ein paar Monaten Ausbildung in Hamburg merkte, dass die Werbebranche nichts für mich ist, habe ich damit aufgehört.

Aus einer Laune heraus zu kündigen, drei Tage am Stück durchzufeiern, Entscheidungen zu treffen, ohne sämtliche Konsequenzen abwägen zu müssen – ich habe Respekt vor der Zeit, in der das alles nicht mehr möglich sein wird. Ich stelle mir Fragen wie: Was will ich noch tun, bevor es die Lebensumstände nicht mehr erlauben? Stehe ich vielleicht sogar in der Pflicht, bestimmte Vorzüge, die das Jungsein mit sich bringt, optimal zu nutzen? Oder, ganz konkret: Soll ich meine Eizellen einfrieren lassen, um auf alle Eventualitäten gut vorbereitet zu sein? Wird es in einer Zukunft, in der die Familiengründung mehr und mehr nach hinten verschoben wird, als unverantwortlich gelten, seine jugendliche Fruchtbarkeit nicht konserviert zu haben? Das ist mein persönliches Horrorszenario: Ich, Mitte 30, mit Kinderwunsch, aber ohne Mann, stelle fest, dass mir die Zeit davonläuft. Begebe ich mich dann überstürzt und mit verschobenen Kriterien auf die Suche nach einem Partner, der in erster Linie dazu bereit sein muss, Vater zu werden? Und zehn Jahre später habe ich zwar Kinder, bin aber unglücklich in meiner Beziehung oder längst geschieden?

Wenn mir meine Eltern nicht täglich den Beweis dafür liefern würden, fiele es mir schwer, überhaupt an die große Liebe zu glauben. Dabei lebe ich in romantischen Zeiten: In den letzten sechs Monaten haben sich drei Paare aus meinem Freundeskreis verlobt. Die meisten meiner Freunde, die nicht fest vergeben sind, wären es gerne. Niemand findet es erstrebenswert, in Clubs zu gehen, um sich was für die Nacht aufzureißen. Meine Freundin Lore hatte mal eine Phase, in der sie das getan hat. Es ging ihr dabei aber nicht um Sex, sondern ausschließlich darum, mit jemandem zu schmusen. Ich kann das gut verstehen. Niemanden zum Kuscheln zu haben ist ein Schicksal, dem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Man muss da knallhart jede Gelegenheit ergreifen, die sich einem bietet. Manchmal verspüre ich sogar in der U-Bahn das dringende Bedürfnis, mich an meinen Sitznachbarn zu schmiegen. Ich finde, Kuscheln ist ein Grundrecht, das selbst emotional stabilen Singles zusteht. Der Berliner Winter ist kalt.

Zwei Jahre lang habe ich nicht in der Hauptstadt gelebt und bei meiner Rückkehr festgestellt, wie sehr sie sich verändert hat. Ich erinnere mich, dass uns vor zehn Jahren die Mädchen aus Zehlendorf nicht alleine in Kreuzberg besuchen kommen durften. Heute wird man hier nicht mehr von der nächsten Streetgang abgezogen, sondern von seinem Vermieter. Die meisten Schuppen, in denen ich große Teile meiner Teenager-Zeit verbracht habe, existieren nicht mehr. Und die Chance, heute noch als 16-Jährige mit einem schlecht gefälschten Personalausweis ins Berghain zu kommen, geht gegen null. Mit Anfang 20 bestehe ich schon aus lauter nostalgischen Erinnerungen.

Ich gehe kaum noch in Clubs. Wenn alle zu cool für die Welt sind, kann ich keinen Spaß haben. Im Herbst habe ich zusammen mit meinen Schwestern Freunde ins Haus unserer Eltern in Brandenburg eingeladen, es mit Girlanden und Blumen geschmückt und drei Tage damit verbracht, in den Feldern spazieren zu gehen, im Waldsee zu baden, Steinpilze zu suchen, Spaghetti zu kochen und zu Lou Bega zu tanzen. Wenn ich könnte – ich würde jedes Wochenende so verbringen. Im Gegensatz zu früher kann ich in meinem Ausgehverhalten keine wirkliche Regelmäßigkeit mehr erkennen, außer vielleicht die, dass ich oft betrunken bin (ich vertrage viel weniger als mit 16), mich im betrunkenen Zustand dauernd für mein Betrunkensein entschuldige (wird aber langsam besser) und am nächsten Tag Angst habe, mich sehr danebenbenommen zu haben (was meistens auch zutrifft). Früher haben wir bei uns zu Hause oder in einer Bar stilecht vorgeglüht, bis es spät genug war, um auf einer Party aufzukreuzen. Heute werde ich zu Veranstaltungen eingeladen, die mit den beruflichen Szenen zu tun haben, in denen ich mich bewege. Das kann eine Premierenfeier sein, ein Literaturevent, eine Ausstellungseröffnung oder sonst irgendetwas Fesches. Aber eine der schönsten Feiern 2013 war der 60. Geburtstag meines Vaters: Auf dem Balkon war der Champagner kalt gestellt, und durchs Wohnzimmer tanzten alle Generationen zu ausgelassener Balkanmusik.

Ich bin total verknallt in Berlin, das merke ich jedes Jahr am 1. Mai, wenn ich durchgeschwitzt, den Bauch voll mit Bowle und Köfte, unter nächtlichem Kirschblütenregen nach Hause radle. Ich bin es auch, wenn ich im ersten Schneegewirbel raus nach Sanssouci fahre, wenn Prenzlauer-Berg-Mütter lauwarmen Sojamilchschaum bestellen und sich damit genau so verhalten, wie man es von ihnen erwartet, oder wenn im M41er-Bus Richtung Sonnenallee/Baumschulenweg zwei alte Damen darüber diskutieren, ob es sich bei Aldi oder Lidl besser einkaufen lässt. Ein paar Jahre nutze ich das jetzt voll aus, dann ziehe ich aufs Land.