Mit ihrem Zweitjob hat es Bettina Göldner, Rektorin aus Lüdenscheid, dieses Mal richtig gut getroffen. Die Grundschule Lösenbach, die sie übergangsweise leiten muss, liegt im selben Stadtteil wie ihre eigene, die Grundschule Wehberg. Sie kann also zwischendurch schnell mal hinflitzen, wenn Not am Mann ist. Was sie zum Glück nicht oft muss, denn die dortigen Lehrer erledigen die wichtigsten Aufgaben einfach selbst, nach Dienstschluss.

Das ist die Situation an vielen deutschen Schulen. Es fehlen Rektoren, vor allem an Grundschulen, aber auch Gesamt- und, wo es sie noch gibt, Hauptschulen tun sich schwer, geeignete Chefs zu finden. Nordrhein-Westfalen meldete zuletzt: Jede achte Grundschule hat keinen Rektor, bei drei von zehn ist die Konrektorenstelle vakant. Manche Stellen bleiben jahrelang unbesetzt. Der niedersächsische Schulleiterverband etwa beobachtet mit Sorge, dass die Posten seit Jahren immer öfter mehrfach ausgeschrieben werden müssen; es gibt einfach keine Bewerber.

Manche Rektoren haben nicht einmal eine eigene Sekretärin

Bemerkenswert eigentlich – ist eine Rektorentätigkeit doch der einzige Weg für Lehrer, Karriere zu machen. Sie müssten Schlange stehen. "Aber es gibt einfach zu wenig Geld", sagt Göldner. Als Chefin einer Grundschule mit 200 Kindern gehört sie in die Besoldungsgruppe A 13. Da gibt es – nach zehn Dienstjahren – rund 3.700 Euro brutto. 250 Euro mehr, als ein normaler Lehrer nach derselben Zeit verdient. Für die zu betreuende Zweitschule gibt es kein zusätzliches Geld. Bei Konrektoren ist der Gehaltsaufschlag noch geringer – diese Stellen sind daher besonders unbeliebt. "Denn wenn der Rektor fehlt, ist der Konrektor ja der Dumme, der die Arbeit machen muss", sagt Göldner. Und zwar zusätzlich zum Unterricht. Vor der Klasse stehen muss ein Schulleiter nämlich auch noch, 15 Stunden in der Woche.

Den Bundesvorsitzenden des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, ärgert es, dass Führungspositionen im pädagogischen Bereich so schlecht bezahlt werden. "In der Wirtschaft bekommt ein leitender Angestellter oft 25 Prozent mehr Gehalt", sagt er. "In Grundschulen aber macht sich die Differenz netto fast gar nicht bemerkbar." Die Verantwortung werde nicht ausreichend honoriert.

Wie groß diese Verantwortung ist, merkt man spätestens dann, wenn niemand sie trägt. Bettina Göldners vorheriger Zweitjob war die kommissarische Leitung der Knapper Grundschule. Dort waren Rektorat und Konrektorat seit Jahren nicht besetzt gewesen. Niemand hatte sich richtig um die Umsetzung der Inklusion gekümmert, das Konzept für die Ganztagsbetreuung und den Förderverein. Alles lag im Argen. Das sollte Göldner nebenbei noch geradebiegen.

Eltern erwarten heute mehr von einer Schule, als dass sie irgendwie läuft. Sie erwarten überzeugende Konzepte und ein gutes Lernklima. Auch deshalb geht der Trend zur selbstständigen Schule. Seit etwa 15 Jahren dürfen Schulen in immer mehr Bundesländern ihr eigenes Budget verwalten. Sie können selbst entscheiden, ob sie das Geld für mehr Lehrer oder Projekte ausgeben, sie dürfen Personal einstellen und ihr pädagogisches Profil schärfen. Im Prinzip ist das gut.

Aber dadurch hat sich auch das Berufsbild des Rektors gewandelt. Bettina Göldner wurde Mitte der neunziger Jahre Konrektorin. Damals, erzählt sie, sei die Schulleitung in erster Linie "für das pädagogische Gelingen" verantwortlich gewesen. "Das hat sich total verändert." Heute muss sie sich um Einstellungsverfahren kümmern, die Zielvereinbarungen der Mitarbeitergespräche dokumentieren, den Etat verwalten und um Sponsoren werben, sie haftet zudem persönlich für den Zustand des Schulgebäudes. "Es ist immer schwerer geworden, Pädagogik und Verwaltung unter einen Hut zu bekommen." Gleichzeitig muss sie Verordnungen, die der Reformschwall der letzten Jahre hervorgebracht hat, umsetzen: Ganztagsschule, flexible Eingangsphase, jahrgangsübergreifender Unterricht. Für derartige Umstrukturierungen würde ein Unternehmen vermutlich eine Beratungsfirma engagieren. Ein Lehramtsstudium bereitet jedenfalls nicht darauf vor. "Als ich Lehrerin wurde, dachte ich dabei an die Arbeit mit Kindern", sagt Göldner.

"Ein Rektor muss ein Tausendsassa sein: Manager, Sekretärin, Hausmeister, Pädagoge", sagt Udo Beckmann, der VDE-Vorsitzende. "Die Schulträger entlasten sich immer weiter von Aufgaben, immer mehr wird auf die Schulleitungen verlagert, ohne die dafür notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen."

Stephan Huber, Vorsitzender des Instituts für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie in Zug in der Schweiz, hat eine internationale Studie zur Arbeitsbelastung von Schulleitern gemacht. Die stützt Udo Beckmanns Einschätzung: Schulleiter in Deutschland leisten wesentlich mehr Verwaltungsarbeit als etwa in Österreich oder der Schweiz. Gleichzeitig liege die Zeit, die sie dafür neben dem Unterricht zur Verfügung hätten, in allen deutschen Bundesländern deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. "Und das erzeugt den Stress." Und noch etwas sei typisch für deutsche Schulleiter: Relativ viele sind relativ alt. Nach Hubers Berechnungen werden, je nach Bundesland, in nächster Zeit 20 bis 45 Prozent aller Schulleiter in Rente gehen. Der Job müsste also dringend attraktiver werden. Huber schlägt vor: mehr Zeit durch Unterrichtsbefreiung, ein höheres Gehalt, bessere Weiterbildung.

Je kleiner die Kinder sind, umso schlechter die Bezahlung: Würde Bettina Göldner ein kleines Gymnasium leiten, bekäme sie nach zehn Jahren 5.500 Euro statt 3.700 Euro. Diese Unwucht der Besoldung beklagen die Verbände seit Jahren. "Der Chef einer Grundschule verdient so viel wie ein Studienrat im ersten Berufsjahr", sagt Udo Beckmann. "Das kann nicht sein." Zumal angehende Grundschullehrer seit Bologna jetzt auch zehn Semester studieren müssen, genauso lange wie angehende Studienräte.

Einige Bundesländer reagieren auf den Missstand, wenngleich zaghaft. Einige haben Weiterbildungsprogramme entwickelt, Mecklenburg-Vorpommern hat angekündigt, Rektoren sehr kleiner Grundschulen die Amtszulage nicht mehr zu verweigern – rund 150 Euro im Monat; Hessen hat jüngst beschlossen, Grundschulleiter künftig gemäß A 14 zu besolden und sie damit den Realschulleitern gleichzustellen. Das NRW-Kultusministerium lässt verlauten, man wolle eher "an der Güte der Arbeitsbedingungen schrauben" als an der Bezahlung; hier wurden über die letzten Jahre mehr Stellen geschaffen, um Rektoren zeitlich zu entlasten. Ob es irgendwann mehr Geld gebe, sei Sache der Regierung, die dafür das Landesbeamtengesetz ändern müsste. Aufgrund der angespannten Haushaltslage in dem Bundesland ist damit eher nicht zu rechnen.

Die Auswirkungen der Sparpolitik sind schon zu beobachten. Bettina Göldner muss sich die Sekretärin mit einer anderen Schule teilen. Da ist es gut, wenn man sich auf die Mitarbeiter verlassen kann. Zum Beispiel auf ihre Konrektorin, "die ist wirklich fit, da bin ich unheimlich froh". Sie übernimmt auch den Job der Rektorin, wenn Göldner wieder an einer ihrer Zweitschulen ist. Ehrenamtlich, sozusagen.