Küsse vor der russischen Botschaft in Paris © Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images

Als Thomas Hitzlsperger vorige Woche in der ZEIT seine Homosexualität bekannt machte, erklärte er, er wolle "die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen". Das ist ihm gelungen. Tatsächlich beschränkt sich die Debatte nicht mehr nur auf Westeuropa und Nordamerika, sondern hat globale Ausmaße angenommen. Nicht nur der Profisport ist eine neue Sphäre dieser Debatte, auch in geopolitischer Hinsicht erweitert sich die Spannweite des Diskurses.

Dabei lässt sich eine beunruhigende globale Gleichung aufmachen: Je mehr Rechte sich sexuelle Minderheiten in bestimmten Teilen der Welt erkämpfen, desto heftigere Rückschläge erleiden sie in anderen Regionen. Als im Juli vergangenen Jahres das britische Gesetz zur Gleichstellung homosexueller Ehen unterzeichnet wurde, verabschiedete das nigerianische Parlament ein drakonisches Antigleichstellungsgesetz gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle. Seit dieser Woche ist es in Kraft.

Wäre Thomas Hitzlsperger Nigerianer, drohten ihm nun 14 Jahre Gefängnis. Auch seine Kollegen und Familienmitglieder könnten angeklagt werden, sofern sie es versäumt hätten, ihn den Behörden auszuliefern. Das neue Gesetz dient ausschließlich der Vorbeugung: Kein Aktivist in Nigeria hat je ein Gesetz zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen gefordert. Das Gesetz soll die Abgrenzung zum Westen verstärken, damit seine Bürger sich nicht mit den dekadenten Werten des Westens "infizieren".

Heute ist "homosexuelles Verhalten" in 76 Staaten verboten, in den meisten Fällen auf der Grundlage alter britischer Kolonialstrafgesetze. In sechs Staaten steht auf Homosexualität sogar die Todesstrafe. Auf die Zulassung gleichgeschlechtlicher Ehen in inzwischen 15 Staaten haben mindestens zehn andere Staaten einschließlich Russlands und Nigerias reagiert, indem sie bereits bestehende homophobe Gesetze verschärft oder Homosexualität unter Strafe gestellt haben.

Die Diskussion über die Rechte sexueller Minderheiten eröffnet eine neue Dimension des Menschenrechtsdiskurses, so wie dies in früheren Zeiten die Frauenbewegung oder die Bürgerrechtsbewegung taten. Neu ist das hohe Tempo, mit dem Ideen in der Ära der Globalisierung geografisch vorankommen. Die Debatte über Sexualität ist selbst eine globale Angelegenheit geworden. Das betrifft auch die Sphäre der sexuellen Praktiken jenseits der Heterosexualität sowie die Palette möglicher Geschlechtsidentitäten über das übliche Schema von Mann und Frau hinaus. An der globalen Debatte über den Umgang Russlands mit Lesben und Schwulen, Bi- und Transsexuellen, die im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi entstanden ist, zeigt sich, dass dieser Diskurs eine der großen ideologischen Trennlinien des 21. Jahrhunderts markiert.

Wir haben die Ära des Kalten Krieges hinter uns gelassen, auch die der Kolonialzeit. Natürlich werden Menschen immer um Territorien und Ressourcen ringen, immer für politische Freiheit kämpfen. Aber im Hinblick auf die großen Ideen, die unsere Welt trennen, leben wir in einer neuen Zeit – und bewegen uns durch kaum kartiertes Gelände.

Die sexuelle Trennlinie der Gegenwart führt nicht zu einem "Kampf der Kulturen": Wie die internen Auseinandersetzungen über Fragen der Sexualität in so unterschiedlichen Ländern wie Ägypten, Frankreich und den Vereinigten Staaten zeigen, lassen sich die Streitenden nicht ohne Weiteres dieser oder jener Kultur zurechnen. Vielmehr zeichnet sich unsere neue Zeit dadurch aus, dass sich die "Kulturkämpfe" (wie diese Auseinandersetzungen im späten 20. Jahrhundert in den USA genannt wurden) globalisiert haben.

Auf der einen Seite stehen dabei jene, die sich auf eine Reihe von universellen Werten berufen, deren Begründung in "Menschenrechten" liege. Ihre Widersacher meinen, ihr Recht auf Souveränität oder kulturelle Authentizität vor der vermeintlich unaufhaltsamen Flut der Globalisierung verteidigen zu müssen. Sie berufen sich auf "traditionelle Werte", um den Verlust von Macht oder Einfluss abzuwenden. Die Ironie besteht natürlich darin, dass es oft gerade globale Akteure sind – etwa die religiöse Rechte in den USA oder wahhabitische Mullahs –, die den ideologischen Füllstoff für diejenigen bereitstellen, die ihre "kulturelle Hoheit" vor der Globalisierung glauben schützen zu müssen.

Die Bewegung für sexuelle Gleichberechtigung ist natürlich selbst ein Träger der Globalisierung. Indem sie diese Rechte ablehnen, bringen viele Osteuropäer und Afrikaner – und auch Millionen von Franzosen und Amerikanern – im Grunde ihre gesammelte Unzufriedenheit über sämtliche kulturellen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten unseres Zeitalters zum Ausdruck. In dieser Ablehnungsbewegung bündelt sich die überall auf der Welt spürbare Sehnsucht nach der Heimkehr in die Geborgenheit von "Familie", "Nation" und "traditionellen Werten" zu einer Zeit, da dies alles bedroht erscheint.

Angesichts dieses Klimas ist die Tapferkeit von Menschen wie Thomas Hitzlsperger bewundernswert. Aber sie muss auch in ihren jeweiligen Kontexten betrachtet werden: In Berlin oder London, Buenos Aires oder Johannesburg könnten wir sagen: "Der Mann ist also schwul – na und?" Aber in Moskau oder Lagos, Kairo oder Kingston wird Hitzlspergers Coming-out von vielen nur als weiterer Beleg für die Dekadenz des Westens wahrgenommen.

Als jüngst in der Ukraine die Debatte darüber hochkochte, ob das Land der Europäischen Union beitreten solle, tauchten in ganz Kiew von Russland finanzierte Werbetafeln auf. Sie zeigten gleichgeschlechtliche Strichmännchen, die sich an den Händen hielten: "Assoziierung mit der EU heißt gleichgeschlechtliche Ehe", lautete der Slogan.

Weitgehend siegreich beendet ist der Kampf für die Rechte von Lesben und Schwulen, Bi- und Transsexuellen bislang nur in Westeuropa. Schon kurz hinter dem alten Eisernen Vorhang gibt es Athleten im russischen Olympiateam, denen ihre Sponsoren gedroht haben, um ihre Finanzierung sei es geschehen, wenn nur der leiseste Hinweis auf ihre sexuelle Orientierung an die Öffentlichkeit gerate.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

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