Michael Vesper bringt sein Selbstbild auf eine kernige Kurzformel. "Ich bin ein Hingeher", sagt der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), lehnt sich im Sessel zurück und beobachtet, wie das Wort seine Wirkung entfaltet. Wenn in drei Wochen die Olympischen Winterspiele in Sotschi beginnen, wird der britische Premier David Cameron wegbleiben. Barack Obama wird wegbleiben und François Hollande auch. Bundespräsident Joachim Gauck wird wegbleiben. Aber der höchste Funktionär des deutschen Sports ist ein Hingeher. "Der Erfolg Olympischer Spiele", sagt Michael Vesper (61) mit feinem Spott, "lässt sich nicht an der Zahl der erschienenen Politiker messen." Der Mann, der einmal die Grünen mitgegründet hat, der als Student militante afrikanische Befreiungsorganisationen unterstützte und als Katholik glühender Anhänger der lateinamerikanischen Befreiungstheologie war – er wird hingehen nach Sotschi, selbstverständlich. So wie er es sagt, das mit den "Hingehern" und denen, die nicht erscheinen, klingt es, als seien die einen die Kerle und die anderen die Memmen. Er, Vesper, wird sich der Lage stellen; die Politiker halten sich fein heraus.

Die Lage, das ist ein 50-Milliarden-Euro-Spektakel in einem Land mit massiven Menschenrechtsverletzungen, Schwulenhatz, Umweltzerstörung und Korruption. Und weil zu alldem noch Terrorwarnungen hinzukommen, ist Sotschi jetzt eine Festung: Hunderte Quadratkilometer Sperrzone, von Drohnen überflogen, von 40.000 Sicherheitskräften bewacht. Dafür wurden Berge versetzt, Felsen gesprengt und Menschen zwangsweise umgesiedelt. Die Lage, das ist ein reserviertes Areal für Demonstrationen, weitab vom Schuss. Aber selbst wenn es dort Demonstrationen gäbe – der Hingeher Michael Vesper würde fernbleiben. "Der Sport ist keine Weltregierung", sagt Vesper, "man kann von ihm nicht Dinge erwarten, an denen die Politik gescheitert ist."

Am Montagmorgen steigen über dem Pariser Platz am Brandenburger Tor graue Sterne aus kaltem Schaum in die Luft. Der DOSB zeichnet hier, gemeinsam mit Sigmar Gabriel in Vertretung der verletzten Bundeskanzlerin, Karatevereine oder "Bowlingfüchse" für besonderes Engagement aus. Sie sind "Sterne des Sports". Es ist einer von Vespers Lieblingsterminen; hier ist der Sport ganz bei sich, hier wird Vesper nicht nach Menschenrechten in Russland gefragt. Die Lebenslüge vom unpolitischen Sport würde man von IOC-Größen wie Antonio Samaranch erwarten. Bei einem Gründungsgrünen, einem Mann, der in der Anti-Apartheid-Bewegung politisiert wurde, überrascht eine solche Haltung. Hat beim Seitenwechsel 2006, als Vesper auf Anregung des DFB-Chefs Theo Zwanziger zum DOSB geholt wurde, das politische Rückgrat Schaden genommen?

Von 1995 bis 2005 waren die Grünen in NRW Koalitionspartner der SPD-Regierungen von Johannes Rau, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück. Vesper war bis 2.000 Bauminister und stellvertretender Ministerpräsident, dann kamen noch Kultur und Sport hinzu. "Der hat für Clement und die anderen Genossen immer das Bier geholt", erzählt eine grüne Weggefährtin jener Jahre. "Er hat für Kompromisse gesorgt. Er war der Kellner!" Im Bonn der achtziger Jahre hat Vesper einmal mit Gerhard Schröder und anderen Sozialdemokraten in einer Hausgemeinschaft gewohnt. "Dem hat der Stil von Schröder immer gefallen, diese Testosteron-Attitüde, das Hemdsärmlige, die Realpolitik", sagt die NRW-Politikerin.

Realpolitik – so will Vesper seine Haltung zu Russland gern verstanden wissen. Darin weiß er sich mit Gerhard Schröder einig. Der Ex-Bundeskanzler, der für den russischen Staatskonzern Gazprom arbeitet und ein Freund Wladimir Putins ist, hat Vesper erst vergangenen Freitag noch herzlich die Hand geschüttelt, in Tauberbischofsheim beim 60. Geburtstag des IOC-Chefs Thomas Bach. Schröder fährt natürlich nach Sotschi, er ist auch ein Hingeher. Immer wieder benutzt Michael Vesper dieser Tage eine Formel, die in der deutschen Außenpolitik so folgenreich war wie keine andere: "Wandel durch Annäherung" – drei Wörter, mit denen der Sozialdemokrat Egon Bahr den Geist der Ostpolitik auf den Punkt brachte.