Vier Wochen bevor sie in New York vor ausverkauftem Haus spielt, sitzt die preisgekrönte Schauspielerin Julia Häusermann in einer S-Bahn nach Zürich, rülpst und sagt: "Ich liebe es zu rülpsen."

Sie zieht die Schuhe aus, streckt die Füße aufs Sitzpolster und sagt gut gelaunt: "Ich hab die nicht gewaschen heute früh."

Sie bohrt in der Nase, zieht den Finger raus, untersucht das Ergebnis, steckt den Finger in den Mund, saugt daran.

Darf man das schreiben? Es kann sein, dass Julia Häusermann, wenn sie liest, wie sie im Zug sitzt und in der Nase bohrt, in Tränen ausbricht.

Andererseits: Wenn man nicht schreiben darf, dass sie in der Nase bohrt und rülpst, kann man auch nicht schreiben, wie die Szene weitergeht – wie die Leute im Zug gucken, eine halbe Sekunde nur. Wie sie in dieser halben Sekunde den gedrungenen Körper erfassen. Das runde Gesicht. Die schrägen Augen. Die dicken Lippen. Wie sie eine weitere halbe Sekunde lang in einer Schreckstarre des Verstehens verharren und dann auf die Displays ihrer Handys schauen, in ihre Bücher, aus dem Fenster.

Julia Häusermann bricht oft in Tränen aus. Nach einer Weile beginnt man, sich daran zu gewöhnen. So wie ihre Küsse und Umarmungen selbstverständlich werden, ihre Hand, die einem den Bauch streichelt. Julia kennt keine Distanz, weshalb sie von allen Julia genannt wird und nicht "Frau Häusermann", obwohl sie schon 21 ist. Nach einer gewissen Zeit des Gewöhnens traut man sich auch, sie nicht zu schonen, weil das Schonen nichts bringt. Es ist ja die Wahrheit, dass ihre Behinderung sie schmerzt – eine Wahrheit, die sie mitteilen will.

Sie sagt: "Ein behinderter Schauspieler kann auf der Bühne furzen oder Kaka machen. Behinderte haben keine Angst, nur die Zuschauer."

Julia kann sich lange Texte merken und SMS schreiben, aber sie hat kaum Verständnis für Zahlen und logische Zusammenhänge. Für Außenstehende ist ihre Behinderung manchmal schwer zu verstehen. Sie kann die Uhr nicht lesen und den Morgen nicht vom Abend unterscheiden. Trotzdem hat sie ein perfektes Gefühl dafür, wann der richtige – also spätestmögliche – Zeitpunkt für den großen Auftritt ist.

Ein Dienstagmittag im November in Chelsea, New York, Hotel Hampton Inn. Julia kommt als Letzte ins Foyer, in schreiend bunten Klamotten, viel Orange, viel Gelb, viel Rot. Sie hat die anderen Ensemblemitglieder warten lassen und auch die vier Betreuer, die mitgereist sind und aufpassen: beim Frühstück im Hotel, bei Ausflügen, bei den Proben, bei Aufführungen.

Eine Betreuerin steckt Julia noch rasch eine Karte zu: "I am Julia Häusermann from Switzerland and I am staying at the Hampton Inn Hotel", darunter eine Telefonnummer.

Es sind zehn Minuten zu Fuß bis zum "New York Live Arts"-Theater, wo die Schauspieler sechs Tage hintereinander auftreten werden, bevor sie nach Minneapolis weiterreisen. Die Vorstellungen sind ausverkauft, für den letzten Tag wurde eine Sondervorstellung ins Programm genommen. Die New York Times will eine Kritikerin schicken.

Julia ist aufgeregt, voller Vorfreude. All die Menschen, die dafür bezahlen, sie auf der Bühne zu sehen. Ihre Kunst. Vor dem Theatereingang steht ein Aufsteller mit ihrem Porträt. Julia posiert daneben mit Victoryzeichen.

Am Abend auf der Bühne sitzen sie im Halbkreis, Julia und die anderen neun. Jeder hat einen Stuhl, daneben steht eine Wasserflasche, vorn, ganz nah an den Zuschauern in der ersten Reihe, ein Mikrofon. Julia, barfuß, trägt eine Jogginghose und ein grasgrünes T-Shirt. Sie ist als Dritte dran. Sie steht von ihrem Stuhl auf, tritt ans Mikrofon und sagt: "Mein Name ist Julia Häusermann. Ich bin 21, und ich bin Schauspielerin." Eine Assistentin übersetzt: "My name is Julia Häusermann."

Im Saal herrscht eine Stille, wie 200 anspruchsvolle Theaterbesucher sie beim Denken verbreiten. Julia haucht: "Ich hab das Downsyndrom, und mir tut’s leid." Dann weint sie und tanzt zu Michael Jacksons They Don’t Care About Us. Sie bewegt sich mit mörderischer Energie und Wut, fasst sich mit einer nietenbehandschuhten Hand in den Schritt, wirft den Kopf vor und zurück, man sieht von ihr bloß noch die langen roten Haare, die wie funkensprühende Kupferdrähte durch die Luft fliegen. Julia kennt kein Stopp. Beim Gastspiel in Budapest hat sie so heftig getanzt, dass ihr danach der Kopf schmerzte und sie sich übergeben musste. Von den zehn Darstellern hat sie mit Abstand die größte Leidenschaft.