Nach dem fünften Telefonat hatte sich der böse Verdacht bestätigt: Der Bewerber für den Managementposten war in seinem vorletzten Job entlassen worden. Im Arbeitszeugnis war angedeutet worden, dass er mit einer eigenwilligen Strategie in den Markt gegangen war. Offenbar ein Misserfolg. Die Runde der Personal-Entscheider atmete auf: Die Bombe war entschärft, der Kandidat für den Job gestorben. Warum eigentlich?

In den USA gilt es als Vorzug, wenn jemand schon mal gescheitert ist, man nimmt an: Er hat daraus gelernt! Dagegen wird in Deutschland geglaubt: einmal gescheitert, immer gescheitert!

Diese Haltung ist absurd. Erstens geht sie davon aus, ein Mensch lerne nicht aus Fehlern. Zweitens wird vorausgesetzt, dass ein guter Mitarbeiter niemals Fehler macht, sprich: unfehlbar ist. Und drittens wird verleugnet, dass Misserfolge auch mit unglücklichen Umständen zu tun haben können. Außerdem: Wer garantiert, dass ein Gescheiterter wirklich gescheitert ist – oder ob das nur fälschlicherweise so gesehen wurde?

Zum Beispiel wurde das Harry Potter- Manuskript von zwölf Verlagen abgelehnt, weshalb man J. K. Rowling als gescheiterte Autorin hätte sehen können. Später stellte sich heraus: Nicht die Autorin war gescheitert, nur die Lektoren waren es; sie hatten einen Bestseller verkannt, ein Millionengeschäft vermasselt. Ich bin sicher: Seither prüfen die gescheiterten Lektoren die Manuskripte gründlicher.

Niemand lernt laufen, ohne dass er hinfällt. Scheitern gehört zum Leben, und Krisen aktivieren Kräfte; nicht umsonst heißt die Redensart: "Den guten Seemann erkennt man bei schlechtem Wetter". Wem es gelingt, ein tiefes Tal zu durchschreiten, der geht gestärkt daraus hervor. Wer eine Insolvenz überstanden hat, eine Entlassung verdaut oder eine Arbeitslosigkeit ausgehalten, der kann mit schwierigen Situationen im Job besser umgehen als jemand, dessen größtes Problem im Leben ein Klecks auf dem Pulli war. Er hat bewiesen, dass er sich vom Sturm einer Krise nicht wegblasen lässt. Eine solche Charakterprobe sagt mehr über die Fähigkeiten eines Menschen aus als ein makelloser Lebenslauf.

Gescheiterte sind gescheiter! Das spricht sich auch langsam unter Personalern herum – aber erst, nachdem sie reihenweise selbst gescheitert sind: mit dem Einstellen scheinbar makelloser Bewerber.