DIE ZEIT: Herr Brisch, die von Bund, Ländern und Kommunen angestrebte Zahl von Krippenplätzen ist erreicht, sogar übererfüllt worden. Sie beschäftigen sich mit der seelischen Gesundheit von Kindern. Ist jetzt alles gut für Eltern und Kleinkinder?

Karl Heinz Brisch: Nein, Kleinkinder müssen nicht irgendwie untergebracht werden, die Qualität der Betreuung entscheidet alles.

ZEIT: Wie messen Sie Qualität?

Brisch: Internationale Studien sagen sehr klar, dass bei den Säuglingen eine Betreuungsrelation von eins zu zwei – eine Erzieherin für zwei Kinder – und bei den etwas älteren Kindern eine von eins zu drei herrschen sollte. Das ist in den allermeisten Krippen in Deutschland nicht gegeben. Da gibt es Verhältnisse von eins zu sechs, eins zu sieben oder eins zu acht. Wir haben zwölf und mehr Kinder in einer Gruppe mit formal zwei Erzieherinnenstellen. Und diese zwei Stellen teilen sich oft auch noch mehrere Teilzeitkräfte, die nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden in der Krippe sind.

ZEIT: Schadet solch fliegender Personalwechsel den Kindern denn?

Brisch: Die Kinder sehen unter der Woche viele Menschen, nicht nur die zwei Erzieherinnen, und das auch noch zu unterschiedlichen Zeiten. Damit sind sie wirklich auf hoher See, was emotionale Bindungen, Beziehungen und Sicherheit angeht.

ZEIT: Was ist die Lösung, wenn die arbeitenden Eltern nehmen müssen, was sie kriegen können?

Brisch: Alle Eltern und Fachleute können eigentlich nur dafür kämpfen, dass die Politik mehr Geld investiert, um mehr Personal in den Krippen zu haben, es besser auszubilden und zu begleiten, damit die Qualität der emotionalen Erzieherin-Kind-Beziehung besser wird.

ZEIT: Es war früh abzusehen, dass es nicht genügend Erzieher für die Masse der neuen Plätze geben würde. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Brisch: Nötig ist eine ganz gezielte Ausbildung von Erzieherinnen für den Frühkindbereich. Es braucht schon eine besondere Berufung, um zu sagen: Ich engagiere mich mit Inbrunst für Säuglinge. Zwei, drei Säuglinge zu versorgen ist viel anstrengender, als mit Drei- bis Sechsjährigen zu spielen. Wer für den Kindergarten ausgebildet ist, hat von Säuglingen und Zweijährigen nicht unbedingt eine Ahnung.

ZEIT: Was ist das Besondere in diesem Alter?

Brisch: In dieser Phase unseres Lebens werden die neuronalen Strukturen des Gehirns angelegt. Das Gehirn ist ja wenig vorverdrahtet, wenn wir auf die Welt kommen, es ist von großer Plastizität, es gibt ein Überangebot von Nervenzellen. Darum kommt es darauf an, was in dieser frühen Zeit passiert, welche Erfahrungen in welchem Kontext gemacht werden – das alles formt die Struktur des Gehirns der Kleinsten. Strukturen später zu verändern durch Psychotherapie oder neue Beziehungserfahrungen ist möglich, aber schwierig, zeitaufwendig und damit auch teuer.

ZEIT: Dass Stress der Hirnentwicklung schadet, ist aus vielerlei Studien bekannt. Wurde das zu wenig berücksichtigt beim Krippenausbau?

Brisch: Offensichtlich. Dauerstress schadet dem Gehirn, und dieser Stress stellt sich schnell ein, weil es an ausreichend beständigem emotionalem Kontakt fehlt. Natürlich kann keine Erzieherin mit sechs oder acht unter Dreijährigen emotional ausreichend in Kontakt sein. Das geht einfach nicht bei diesem Personalschlüssel und dauerndem Personalwechsel. Damit wird der Mangel an Zuneigung für die Kleinen zur Alltagserfahrung. Das müsste man dringend, dringend, dringend ändern.

ZEIT: Ihr Appell ist nicht neu, aber er zeigt keine Wirkung. Warum protestieren weder Eltern noch Personal gegen die Belastung der Kleinsten?

Brisch: Wir haben in Deutschland eine Hypothek. Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind war der Standardratgeber für alle Mütter in der Nazizeit. Das liest sich wie eine Anleitung zu: Wie härte ich mein Baby am schnellsten ab und mache es frustrationstolerant? Oder auch: Wie helfe ich ihm, Angst, Schmerz und sogar Hunger auszublenden? Wenn ich Krieger aufziehen will, ist das eine fabelhafte Vorlage.

ZEIT: Das will ja nun keiner mehr ...

Brisch: Nach dem Ende des Faschismus wurde das Buch um ein paar ideologische Inhalte bereinigt und als Die Mutter und ihr erstes Kind in einigen Städten weiter jeder neuen Mutter in die Hand gegeben. Die letzte Auflage ist von 1986. Diese Art, Kinder zu erziehen, ist bei uns historisch verankert. Wenn Sie heute einen Ratgeber schreiben, der Härte von Eltern gegenüber ihren Kindern verlangt, dann ernten Sie Zuspruch. Wenn Sie Feinfühligkeit, liebevollen Umgang und das Achten auf Signale anmahnen, dann geraten Sie schnell in den Verdacht, Sie wollen Kinder verwöhnen.

ZEIT: Verwöhnen?

Brisch: Ja, das ist die größte deutsche Angst. Wir führen hier in München Elternkurse durch, Safe genannt (Sichere Anleitung für Eltern). Wenn wir die angehenden Eltern fragen, was sie fürchten, das ihrem Baby schlimmstenfalls passieren könnte, dann antworten acht von zehn Eltern nicht, dass es behindert wäre oder gesundheitliche Probleme hätte oder gar bei der Geburt sterben würde, nein, sie fürchten: "dass unser Kind verwöhnt wird".

ZEIT: Angst, dass Babys verwöhnt werden?

Brisch: Ja. In Bolivien würde mir eine Mutter antworten, dass ihre größte Angst sei, nicht genug zu essen für ihr Baby zu haben oder dass es vielleicht sterbe, die Kategorie Verwöhnen kommt nicht vor. Während unserer Kurse fragen die Eltern auch immerfort: Wann fangen wir an, das Baby an Frustrationen zu gewöhnen, ja sogar abzuhärten? Da liegt wohl auch ein Schlüssel dafür, dass die Eltern nicht aufschreien gegen die Krippen, in denen den Kleinsten einiges zugemutet wird.