Die Arie von Johann Sebastian Bach bricht unvermittelt ab. In der Kölner Hochschule für Musik und Tanz setzt Marie Lembke* ihre Querflöte ab und bittet die koreanische Kommilitonin, die erste Passage auf dem Klavier etwas leiser zu spielen. Die Pianistin nickt, sagt "ja, ja" – und spielt beim nächsten Mal genauso laut. "Es ist immer das Gleiche", seufzt die Flötistin.

Seit zwei Jahren studiert Lembke Instrumentalmusik. Und mit ihr viele junge Menschen aus Südkorea, China und Japan. "Das sind alles gute Musiker, keine Frage", sagt sie. "Aber mit dem Zusammenspiel klappt es trotzdem nicht." Die ausländischen Studenten verstehen oft nur wenig Deutsch und können sich im Ensemble-Unterricht kaum mit ihren deutschen Kommilitonen verständigen. "Irgendwie habe ich mir das im Studium harmonischer vorgestellt", sagt die 24-jährige Studentin. Weil es schwierig sei, miteinander ins Gespräch zu kommen, entstünden auch nur selten internationale Freundschaften.

Dabei könnte genau das kaum einfacher sein. Nirgendwo sind deutsche Unis so international, so vielfältig wie an den Musikhochschulen. Der Ausländeranteil liegt bei knapp 40 Prozent, im Bereich Instrumentalmusik sogar bei 60 Prozent. Die ausländischen Studenten kommen aus rund 40 verschiedenen Nationen, die meisten aus Südkorea. Sie sind alle hier, weil die deutschen Musikhochschulen sehr traditionsreich sind und in der Welt einen ausgezeichneten Ruf haben. Außerdem ist das Studium in Deutschland kostenfrei.

Die Hochschulen sind stolz auf diese Internationalität, sie loben die Vorzüge des interkulturellen Musizierens. "Das ist die schönste Form der Völkerverständigung", sagte Jörg Linowitzki, Professor für Kontrabass an der Musikhochschule Lübeck, bei einem Expertenworkshop der Hochschulrektorenkonferenz zur Internationalität an Musikhochschulen. "Die Sprache der Musik ist international."

Die Sprache an den Hochschulen hingegen ist Deutsch. Und daran hapert es bei vielen ausländischen Kommilitonen, obwohl sie für das Studium sehr gute Deutschkenntnisse nachweisen müssen. Für das erforderliche Niveau lauten die Kriterien: Der Student spricht verständlich, mit vereinzelten Fehlern, kann sich aber auch im akademischen Kontext sicher ausdrücken.

Davon kann im Studienalltag kaum die Rede sein. Vor allem die asiatischen Studenten beteiligen sich kaum an Diskussionen in Seminaren, Referate "rattern sie wie Wikipedia-Artikel runter – da versteht keiner was", sagt die Musikstudentin Andrea Calmbach*. Selbst die Kommunikation beim Musizieren ist schwierig: "Die koreanische Pianistin hat einfach nicht verstanden, dass ich an manchen Stellen atmen muss", sagt Marie Lembke. "Da kann sie so gut Klavier spielen, wie sie will, so entsteht keine Musik." Lembke hatte ein Ensemble-Stück für ihre Zwischenprüfung ausgewählt. "Bestimmt zehn Mails gingen hin und her", erzählt sie, "bis die Pianistin eine Woche vor dem Vorspiel plötzlich sagt: Ich kann nicht spielen, da bin ich schon zurück in Südkorea." Wie sie das Konzertdatum falsch lesen konnte, ist Lembke bis heute ein Rätsel. "Das sind doch nur Zahlen."

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Es ist ein heikles Thema: Wer sich über die ausländischen Kommilitonen beschwert, könnte schnell als fremdenfeindlich gelten. Marie Lembke will daher, wie alle Studenten in dieser Geschichte, nicht mit ihrem richtigen Namen genannt werden.

Im Foyer der Freiburger Musikhochschule sitzt Mei-Lin Zhang* mit ihren Freundinnen an einem runden Tisch. Worüber sie lacht, versteht man nur, wenn man auch Chinesisch kann. Deutsch spricht sie nur gebrochen. "Ich bin froh, dass ich hier studieren darf", sagt die 22-Jährige. Bevor sie nach Deutschland kam, hatte sie bereits vier Semester Violine an der National Taiwan University of Arts studiert. Dort sei der Unterricht nicht so gut und "more expensive", teurer, gewesen. Wenn sie auf Deutsch nicht weiterweiß, erzählt die Musikstudentin ihre Geschichte einfach auf Englisch. Sie kenne nicht viele deutsche Studenten, sagt Zhang und lächelt verlegen. Es ist ihr unangenehm, dass sie nicht besser Deutsch spricht. Aber im Alltag hat sie damit keine Probleme, ihre engsten Freunde kommen wie sie aus Fernost.