Hinter den Wohnzimmergardinen flimmert das Abendprogramm, als Gratkorn noch einmal erwacht. Männer in Stiefeln marschieren durch eine diffus beleuchteten Werkseinfahrt und werden gleich wieder vom Nebel dahinter verschluckt. Es ist Dienstag, 22 Uhr, für rund 180 Arbeiter steht Schichtwechsel an im steirischen Industriedorf, wo der südafrikanische Konzern Sappi Papier produzieren lässt. Franz Scherf zieht eine letzte Zigarette aus dem blauen Kapuzenpulli. Vergnügt pariert er die Zoten vorbeiziehender Kollegen, dann verschwindet auch sein breites Schulterkreuz hinter den Personalschranken.

"Es ist schön, hier zu arbeiten", hat Franz Scherf zuvor mit Nachdruck gesagt. Er ist 42, ein geselliger Typ, groß und kräftig gebaut. Seit fast elf Jahren steht er an den Umrollern und Rollenschneidern, Kalandern, Querschneidern und Streichmaschinen in Produktionslinie drei, wo das Papier den letzten Feinschliff erhält. Die Lehrlinge schult er gerne ein, die Chefs sind in Ordnung, und vor allem sind Kollegen hier auch Freunde. Sie organisieren Fußballabende und Hüttenwanderungen, Motorradtouren nach Kroatien sowie gemeinsame Familienurlaube in Italien, und als Franz Scherf am Renovieren war, kamen helfende Hände aus der Belegschaft.

Nur gehört Franz Scherf eigentlich gar nicht dazu. Er ist Leiharbeiter. Sein Arbeitgeber ist nicht die Papierfabrik, für die er seit einem Jahrzehnt Schichten schiebt. Sein Brotherr ist ein "Arbeitskräfteüberlasser", wie sich die Unternehmen am Zeitarbeitsmarkt nennen, die der Wirtschaft den Rücken stärken und für Jobsuchende das Tor zu einer Festanstellung sein sollen.

Der ewige Leiharbeiter ist in Österreichs Politik nur ein Randthema

"Das kann nicht sein. Ich halte das für einen besonders krassen Fall", kommentierte eine ungewohnt verstörte Angela Merkel die bundesdeutsche Version von Franz Scherf und trat einen Schritt vom Plexiglaspult zurück. Ein Leipziger Industriearbeiter hatte der Kanzlerin in der Wahlarena der ARD im vergangenen September sein Los geschildert, seit über zehn Jahren vom selben Betrieb ausgeliehen zu sein. Falls es mehrere solcher Fälle gebe, so Merkels Versprechen, wolle sie gesetzlich intervenieren, denn: "Für einen so langen Zeitraum ist Leiharbeit nicht gedacht."

In Österreich ist einer wie Franz Scherf alles andere als ein Einzelfall. Fast 72.000 Leiharbeiter wurden im vergangenen Jahr gezählt. Weit mehr als jeder Dritte von ihnen steht länger als ein Jahr beim selben Betrieb im Dienst, das sind acht Prozent mehr als im Jahr zuvor und fast doppelt so viele wie noch 2002.

"Die dauerhafte Beschäftigung ist einer der Zukunftstrends unserer Branche", sagt Erich Pichorner, Bundesvorsitzender der Personaldienstleister in der Wirtschaftskammer und Geschäftsführer der ManpowerGroup Österreich.

Pichorner sitzt im vierten Stock der neuen Österreich-Zentrale des Konzerns, der hinter Branchenpionier Trenkwalder die Nummer zwei im Land ist. Unten vor dem Bewerbereingang hängen Jobangebote aus. IT-Experten sind ebenso gefragt wie Ingenieure, Sekretäre oder Callcenter-Mitarbeiter. Fast alle Angebote sind langfristig. Der typische Leiharbeiter – in der Branchensprache lieber Zeitarbeiter oder Leasingkraft genannt – ist zwar immer noch Arbeiter und männlich, "aber die Vermittlung von gering qualifizierten Hilfskräften wird immer schwieriger und unrentabler", sagt Pichorner. Steigen werde die Nachfrage im Angestelltenbereich, wo man "nicht an temporäre Produktionsspitzen denkt, sondern qualifizierte Mitarbeiter für ganze Projektzyklen sucht".