Bei manchen Menschen verrät der Gang, wie sie gelebt haben. Sollte das auch auf ihn zutreffen, ist es Menahem Pressler gelungen, vieles Schwere in seinem Leben, das andere gebeugt hätte, leicht zu nehmen. Im vergangenen Dezember wurde der Pianist 90 Jahre alt; kleiner ist er als die vielen Menschen, die ihn in den Katakomben der Berliner Philharmonie umringen, feingliedriger. Den Kopf neigt er gern ein wenig zur Seite, neugierig sieht er aus. Und sein Gang: Er schwebt, aufrecht und lautlos.

Menahem Pressler ist nicht nur der älteste aktive Konzertpianist, sondern vielleicht auch der unermüdlichste. Er hat 53 Jahre lang im gefeierten Beaux Arts Trio gespielt, bis es sich 2008 auflöste. Er war damals Mitte 80 und beschloss, seiner Karriere noch einmal als Solist einen Schub zu geben. So erlebt Pressler auch im hohen Alter noch viele erste Male. Am Wochenende gab er sein erstes Konzert mit den Berliner Philharmonikern: Mozarts Klavierkonzert KV 453 in G-Dur. Mozart, der Komponist, wie Pressler bei unserem Gespräch sagt, mit dem "Anschluss direkt nach oben, ohne den wir nicht fliegen könnten". Und – was Pressler immer wichtig ist – ein Konzert mit einer Botschaft: "sich zu freuen am Leben".

Diese Botschaft verbreitet sich schon bei der Generalprobe in der Philharmonie. Simon Rattle sitzt im Zuschauerraum. Am Pult steht Semyon Bychkov, der seine großen Hände so behutsam bewegt, als lenkten sie nicht Klänge, sondern hielten ein Neugeborenes. Dicht neben ihm, am Flügel, wiegt sich Pressler auf seinem Hocker zur Musik. Er verbreitet einen Zauber, der die Musiker vergessen lässt, dass ihre Mittagspause schon fast wieder vorbei ist.

Dieses Konzert sei keine Idee von Managern oder PR-Leuten, sagt Pressler, sondern eine der Musiker selbst. Das ist ihm wichtig. Es geht ihm um die gemeinsame Suche "nach dem einen Ausdruck, der dich bezaubert. Nach Inspiration." Er lässt die Worte nachklingen wie die letzten Akkorde eines Nocturnes.

Ich treffe Menahem Pressler kurz nach der Generalprobe im Keller der Philharmonie. Normalerweise werkelt hier der Klavierstimmer, jetzt ist der Raum hell ausgeleuchtet, und zwei Kameras starren ihn an; die Philharmonie will unser Gespräch filmen. Die Aufnahmeleiterin bittet ihn, die Strickjacke ganz zuzuknöpfen, das sähe gut aus. Sie verschiebt die Mikrofone millimeterweise, zupft Pressler unsichtbare Fusseln von den Schultern. Er sitzt da, die Hände ruhen im Schoß. Man hätte Verständnis, wenn er ungeduldig würde, wenn er nach der langen Probe essen wollte oder schlafen. Aber er sagt: "Wenn Sie das wichtig finden, ist es wichtig."

Rattle war es, der ihn nach Berlin eingeladen hat. Pressler hatte mit dem Orchèstre de Paris ein anderes Mozart-Konzert gespielt, und als Rattle für einen Auftritt mit den Philharmonikern nach Paris kam, zeigte ihm jemand das Konzert auf DVD. "Eine enorme Glückssache", sagt Pressler.

Das Glück. Menahem Pressler spricht viel vom Glück. Von "lieben Klavierlehrern", die ihn, den jüdischen Jungen, in seiner Geburtsstadt Magdeburg unterrichteten, obwohl das in den dreißiger Jahren schon verboten war. Von der Flucht, die seiner Familie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Palästina gelang. Und davon, dass er als Pubertierender in diesem neuen Land mit einer fremden Sprache lange nichts essen konnte – bis ihm schließlich die Musik geholfen habe. Vielleicht hat auch das Körper und Geist so beweglich gehalten: die Konzentration auf das Schöne.

Pressler erzählt davon, wie er lernte, sich zurückzunehmen, auch das sieht er im Rückblick als "Glücksfall". Als junger Pianist sei er noch anders gewesen. Nachdem er 1946 in San Francisco einen Klavierwettbewerb gewonnen hatte, träumte er sich auf die großen Bühnen der Welt, ins Rampenlicht. Er wollte glänzen. Er wollte schöner sein, schneller, lauter als die anderen. Erst als er angefangen habe, Kammermusik zu machen, in einem Klaviertrio zu spielen, sagt er, habe er mühsam gelernt, weniger den Glanz zu suchen als das Gefühl. "Der Musik zu dienen", sagt der 90-Jährige, "das ist es wert zu leben."

An drei Tagen hintereinander steht der Grandseigneur also mit den Berliner Philharmonikern auf der Bühne, dreimal ist der Saal voll besetzt. Menahem Pressler zieht die Aufmerksamkeit an wie ein Magnet die Stecknadeln. Sein Mozart-Spiel ist Seele, Liebe, Hingabe und auch Übermut, noch am dritten Abend. Da fällt es kaum weiter ins Gewicht, wenn das Klavier manchmal aufmuckt. Die Philharmoniker, dieses Orchester gewordene Bollwerk der Perfektion, lassen das ohnehin an sich abprallen. Am Ende erhebt sich das Publikum.