Sascha Lobo © Reto Klar/dpa

Sascha Lobo, der Mann mit der roten Irokesenfrisur, der den Deutschen seit über einem Jahrzehnt das Internet erklärt, weiß nicht mehr weiter. Das Internet nach Snowden ist zum Verrücktwerden. Kein Millimeter Glasfaser, der nicht von der NSA gescannt wird. Totalüberwachung. Freiheitsverlust. Und jetzt?

Nichts. Außer einem großen Essay über den Abschied von der eigenen Utopie, den Sascha Lobo vergangene Woche in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht hat: Die digitale Kränkung des Menschen. Ein mea culpa des Netzvordenkers. Er habe sich geirrt, schreibt Lobo, und das auf eine für Experten ungünstigste Art und Weise: durch Naivität. Lobo gesteht, nicht für möglich gehalten zu haben, was die NSA tagtäglich in ihren Datencentern vollbringt. Aber der Spähskandal habe etwas mit ihm gemacht: "Etwas Tiefes, Emotionales, nichts Gutes."

Sein Unbehagen, seine Unsicherheit, sein Gekränktsein will Lobo nicht als Privatmann formulieren, sondern auf gesamtgesellschaftliches Niveau heben. Mittels eines rhetorischen Tricks: Gerade das Schuldeingeständnis soll seinen Ruf als Wünschelrutenmann des deutschen Internetdiskurses festigen. "Es ist Teil meines Berufs und meiner Persönlichkeit, die Verwerfungen der digitalen Gesellschaft früher wahrzunehmen als andere", schreibt Lobo.

Was also nimmt Sascha Lobo früher wahr?

Dass Überwachung nur Mittel zum Zweck der Kontrolle und der Machtausübung ist. Dass die digitale Vernetzung die Gesellschaft viel stärker prägt, als die meisten Politiker, Journalisten und Fußgänger bisher erkennen wollten und konnten. Dass Geheimdienste auch die Wirtschaft ausspionieren. Dass die Netzgemeinde verstört ist, weil sie mit ihrer Selbstgewissheit brechen muss, die Welt mit digitalen Mitteln verbessern zu können.

Natürlich hat Sascha Lobo in allen Punkten recht. Nur – nichts davon ist neu. Leitartikel, Aufrufe von Schriftstellern, Spiegel Online: Sascha Lobo rennt Türen ein, die seit Monaten offen stehen. Sein Essay ist eine große Geste der Verzweiflung. Weil auch er keine Lösungen hat, bringt er den weltweiten NSA-Skandal auf den kleinsten Nenner: das Internet und ich. Seine eine Utopie zerbricht, es bleibt ihm nichts als die persönliche Enttäuschung.