Olaf Scholz (SPD) ist seit 2011 Erster Bürgermeister von Hamburg. ©Axel Heimken/dpa

Einen Tag nachdem die Hamburger Polizei die Gefahrengebiete aufgehoben hat, sitzt Bürgermeister Olaf Scholz in seinem Amtszimmer und seziert die vergangenen Tage in der Stadt. Kurz vor Weihnachten erlebte Hamburg die gewalttätigste Demonstration seit Langem, es gab viele Verletzte.

Die Stadt kommt seitdem nicht zur Ruhe, aber für Olaf Scholz läuft nichts falsch in Hamburg. "Die Mehrheit der Teilnehmer war gekommen, um Gewalt auszuüben." Weißes Hemd, erster Knopf geöffnet, hellgraue Hose, die Beine übereinandergeschlagen, eine Tasse schwarzen Kaffee vor sich. Wenn es nicht Olaf Scholz wäre, könnte man den Mann für entspannt halten.

Scholz aber hat die Entspanntheit einer gut geölten Maschine. Leistungsstark, ständig unter Strom. Er spricht auch so. Schnörkellos, kühl und analytisch, immer in der gleichen Tonlage. Er verliert keine Zeit, macht keine langen Pausen. Scholz ist ein erfolgreicher Bürgermeister. Als Chef der Hamburger SPD ist er unumstritten. Eigentlich läuft alles gut für ihn. Und trotzdem scheint etwas nicht zu stimmen.

Bei der Demonstration, die sich zu einer heftigen Straßenschlacht mit der Polizei entwickelte, ging es um den Erhalt des linken Kulturzentrums Rote Flora im beliebten Schanzenviertel, um Gentrifizierung und um den Umgang der Stadt mit Flüchtlingen aus Lampedusa. Es wurden Parolen gegen das "repressive System" und den "Bullenstaat" gerufen. Es gab Angriffe auf Polizisten, die noch aufzuklären sind. Die Polizei reagierte hart: Sie erklärte mehrere Stadtteile zu "Gefahrengebieten", in denen sie jeden Bürger jederzeit und ohne Anlass kontrollieren kann. Je länger die Gefahrengebiete bestanden, desto breiter wurde auch der Protest. Er wurde nicht mehr von den Aggressiven dominiert, sondern von gut gelaunten Bürgerkindern, die sich ihren Spaß mit der Polizei machten. Mit Kissenschlachten und Klobürsten.

Es herrschte zwar kein Ausnahmezustand, aber Ausnahmestimmung. Hamburg wurde plötzlich zum Thema in der internationalen Presse. Der Guardian berichtete über die danger zone, Hunderte Anhänger des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdoğan twitterten schadenfroh über den deutschen "Polizeistaat". Und diese Deutschen hatten während der Gezi-Proteste die Türkei wegen der brutalen Polizeieinsätze kritisiert?, fragten sie. Sogar Al-Dschasira berichtete. Und viele fragten sich: Wo steckt eigentlich der Bürgermeister?

Der war da, erklärte aber nicht für alle wahrnehmbar, was in seiner Stadt passierte. Nun sitzt er in seinem Amtszimmer und kann die Aufregung eigentlich nicht verstehen. Er versucht es aber.

"Es gibt Kommunikationswelten, die einen Teil der sich ändernden Wirklichkeit – in diesem Fall positiv – nicht zur Kenntnis nehmen. Das sage ich nicht klagend, sondern neugierig. Als Aufgabenstellung an mich selbst", sagt Scholz. Übersetzt bedeutet das: Was wollt ihr eigentlich? Ich kann nicht verstehen, wogegen sich die Wut richtet. Wir erfüllen doch die Forderungen der Demonstranten. Aber ich würde das Ganze schon gern verstehen.

Die "Kommunikationswelten" der Autonomen kann kein Bürgermeister erreichen, die sind ihm verschlossen. Man könnte aber auch argumentieren: Erst durch die Entscheidung der Polizei, Gefahrengebiete auszuweisen, wurden überhaupt neue Kommunikationswelten geschaffen, die sich nun dem Bürgermeister verschlossen haben. Scholz ist klug genug, um das zu spüren. Und trotzdem steckt er in einem Dilemma.