Hühnerfüße auf einem Markt in Shanghai. ©Qilai Shen/dpa

Die Isolierstation liegt mitten in Rochester, in einem ehemaligen Krankenhaus im US-Bundesstaat New York. Ein ganzer Flur – Einzelzimmer, ausgestattet mit Fernseher, Internetanschluss und eigenem Bad. Die ersten 16 Männer und Frauen sind gerade eingezogen. Zwei Tage hatten sie Zeit, um sich ans Eingesperrtsein zu gewöhnen. Mindestens zehn weitere müssen sie bleiben. Manche haben Strickzeug mitgebracht.

"Zwischen 18 und 49? Hilf unseren Wissenschaftlern, zukünftige Pandemien zu bekämpfen!", lockte die Universität von Rochester per Twitter: "Freiwillige erhalten 2.475 bis 3.990 Dollar."

Die Freiwilligen testen einen Grippeimpfstoff, "ein Nasenspray mit lebendigen, abgeschwächten Viren", erläutert der Studienleiter John Treanor. Und weil der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass sie die Impfviren weiterverbreiten könnten, werden die Probanden für knapp zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen. Bei dem Impfvirus handelt es sich immerhin um Erreger der Vogelgrippe, Typ H7N9, ein eher unheimlicher Geselle.

Im Februar 2013 tauchte das Virus zum ersten Mal im Osten Chinas auf. Bald explodierten die Fallzahlen, bis Mai infizierten sich 133 Menschen. H7N9 ist vorher nie beim Menschen gefunden worden – "da schrillen die Alarmglocken", sagt der Grippeexperte Albert Osterhaus von der Uni-Klinik in Rotterdam.

Mediziner auf der ganzen Welt sind in Alarmbereitschaft

Schnell wurde den Fachleuten klar, dass das neue Vogelgrippevirus ein paar beunruhigende Eigenschaften mitbringt. Infizierte Vögel fallen nicht tot um, was es fast unmöglich macht, die Verbreitung des Virus zu überwachen. Es springt relativ leicht auf den Menschen über, und dann ist es brandgefährlich: Fast alle Opfer bekommen eine schwere Lungenentzündung. Etliche müssen beatmet werden, Organe versagen. Fast jeder dritte Patient stirbt. Dieses Virus, da sind sich Grippeforscher einig, meint es ernst.

Zum Glück wurde H7N9 nicht von Mensch zu Mensch übertragen; die meisten Opfer hatten sich bei infiziertem Geflügel angesteckt. In den betroffenen Regionen wurden daher Geflügelmärkte geschlossen, und sämtliches Federvieh wurde umgebracht. Im Sommer schien der Ausbruch unter Kontrolle – es gab nur zwei neue Infektionen. Im Sommer, wenn die Temperatur steigt, machen Grippeviren aber auch naturgemäß Pause.

Seit Oktober ist H7N9 zurück. In China steigen die Fallzahlen, auch im benachbarten Hongkong hat das Virus erste Opfer gefordert. Auf der ganzen Welt sind Influenza-Experten, Gesundheitsbehörden und Pharmafirmen in Stellung gegangen: Sie haben diagnostische Tests verfeinert, die Wirksamkeit von Medikamenten erprobt und erste Impfstoffkandidaten entwickelt. Jetzt heißt es abwarten. Wird sich das Virus so verändern, dass sich Menschen gegenseitig durch Husten und Niesen anstecken? Hat H7N9 tatsächlich das Zeug zum weltweiten Seuchenzug – zu einer Pandemie?

Rein statistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit dafür recht gering. In den letzten 100 Jahren gab es gerade einmal vier globale Ausbrüche: die Spanische Grippe von 1918, die Asiatische Grippe von 1957 und dann die Hongkong-Grippe von 1968. Danach galt jahrelang die Vogelgrippe H5N1 als heißer Anwärter für die nächste Pandemie – bis im Frühling 2009 die Schweinegrippe H1N1 wie aus dem Nichts auftauchte und den Erdball überrollte. Niemand weiß, was als Nächstes kommt.

"Grippeviren sind unberechenbar", sagt Albert Osterhaus. Die Länder, die es sich leisten können, lassen ihre Tierbestände regelmäßig nach Viren durchkämmen – ohne zu wissen, wonach genau zu suchen ist. Grippemittel helfen nur begrenzt, Impfstoffe werden nie rechtzeitig fertig. "Es ist der Wettlauf zwischen Hase und Igel", sagt der Tropenmediziner Jeremy Farrar von der Universität Oxford. Die Viren sind immer schneller.