Wandergesellen auf der Walz © Wolfgang Langenstrassen/dpa

DIE ZEIT: Sie waren drei Jahre lang Tippelbruder. Viele, die das hören, denken sicher: Der arme Kerl.

Franz Zschornack: Kann sein. Die Bräuche der Wandergesellen sind nicht mehr so bekannt. Als ich noch mit meiner Schlaghose und dem schwarzen Zylinder herumzog, hielten manche mich für den Schornsteinfeger, obwohl ich doch Schlosser bin. Kinder dachten, ich sei ein Zauberer. Darum erzähle ich jetzt von meiner Zeit auf der Walz, die mich in 14 Länder geführt hat. Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und Vorurteile abbauen.

ZEIT: Das erste drängt sich schon beim Wort "Tippelbrüder" auf. Es steht für wandernde Handwerker, aber auch für vagabundierende Trinker. Woran könnte das liegen?

Zschornack: Niemand geht auf die Walz, um da drei Jahre lang die Gläser hochzuhalten. Natürlich kommt es vor, dass Wandergesellen einen über den Durst trinken. Aber das ist nicht die Regel.

ZEIT: Warum sind Sie gegangen?

Zschornack: Ich komme aus Crostwitz, einem Dorf in Ostsachsen, und bin nie weiter gekommen als bis nach Dresden, das 60 Kilometer entfernt liegt. Auf einer Hochzeit habe ich einen Wandergesellen kennengelernt, der von seinen Abenteuern erzählte. Sein Motto hat mir gefallen: "Rund ist die Welt. Drum, Brüder, lasst uns reisen." Am 21. November 2009 bin ich dann selbst losgezogen und über das Schild am Dorfausgang geklettert, wie die Tradition es verlangt.

ZEIT: Die Welt kann man auch bequemer erkunden, ohne Schlaghose und Kletterpartie.

Franz Zschornack, 28, aus Sachsen in seiner Tippelbruder-Montur © privat

Zschornack: Aber ich wollte dabei arbeiten und von Kollegen lernen, auch im Ausland. So, wie es Wandergesellen seit dem späten Mittelalter machen. In Erfurt habe ich mich bei der Gesellschaft der rechtschaffenen fremden Maurer und Steinhauer vorgestellt. Dazu gehören auch wir Schlosser.

ZEIT: Darf jeder auf die Walz gehen?

Zschornack: Nein, nur wer einen Gesellenbrief hat, unter 30 Jahre alt, ledig und kinderlos ist. Außerdem muss das Führungszeugnis sauber sein. Wer dann auf die Walz geht, hat nicht nur das Gesetz zu achten, sondern auch den Ehrenkodex seiner Gesellschaft. Bevor wir losziehen, bekommen wir einen Ohrring, das Ohrloch wird mit Hammer und Nagel reingeklopft. Das Ohrläppchen wird auf einen Tisch gelegt, zwei Schläge, mit Schnaps wird sterilisiert, auch innerlich, ich habe das kaum gespürt. Wenn ein Wandergeselle den Kodex grob verletzt, indem er etwa einen Gastgeber bestiehlt, wird der Ring aus dem Ohr gerissen, um seine Schande sichtbar zu machen. Daher kommt der Begriff Schlitzohr.

ZEIT: Das klingt brutal.

Zschornack: Mag sein, aber dieser Kodex hält unsere Gesellschaft zusammen. Eine der wichtigsten Regeln lautet: Hinterlasse überall einen guten Ruf, sodass der Nächste mit offenen Armen begrüßt wird. Ich habe einige Male von Fremden einen Hausschlüssel bekommen, weil sie gute Erfahrungen mit Wandergesellen gemacht haben. Und solange ich unterwegs war, ist mir kein einziges Schlitzohr begegnet.

ZEIT: Handwerker-Ehre ist also nicht nur eine Redensart.

Zschornack: Nein, die ist uns ganz wichtig. Der kleine schwarze Schlips, den wir tragen, heißt nicht umsonst "Ehrbarkeit". Er ist das Heiligste, was ein Wandergeselle besitzt.

ZEIT: 11.000 Kilometer weit hat die Ehrbarkeit Sie begleitet. Ist das kein Kulturschock für jemanden, der bis dahin nur Ostsachsen kannte?

Zschornack: Es ging ja nicht so schnell. Das erste Jahr durfte ich nur im deutschsprachigen Raum unterwegs sein. Und da haben die Wandergesellen über Generationen ein Netzwerk aufgebaut. Es gibt in jeder größeren Stadt Kneipen, in denen wir uns austauschen. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um alles zu verstehen. Deshalb bekommt man am Anfang einen erfahrenen Wandergesellen an die Seite gestellt, der einem beibringt, wie man sich verhält. Wie man beim Bäcker etwas zu essen kriegt, ohne zu bezahlen. Es gibt auch ein Sprüchlein, das man dem Bürgermeister vorträgt, wenn man in seinem Ort keine Arbeit gefunden hat.

ZEIT: Wie lautet das?

Zschornack: Darf ich nicht sagen. Manche unserer Gepflogenheiten halten wir geheim.

ZEIT: Wie können Sie dann sicher sein, dass alle Bürgermeister eingeweiht sind? Dass Leute Sie nicht überhaupt für kostümierte Schnorrer halten?

Zschornack: Damit muss man rechnen, spätestens wenn man ins fremdsprachige Ausland kommt. In den Niederlanden und Dänemark kennt man noch die Bräuche der Walz. Anderswo sollte man sich nicht darauf verlassen. Aber unsere Kluft macht neugierig. Sie erleichtert es, ins Gespräch zu kommen. Es hat mich gerührt, wenn Menschen in Ländern wie Rumänien das wenige, was sie besaßen, mit Freude teilten.