Zentrale von Prokon in Itzehoe © dpa

Warnungen gab es genug. Wie berechtigt sie waren, zeigte sich am Freitagabend vergangener Woche. Da stellte die angeschlagene Windkraftfirma Prokon ein Schreiben auf ihre Homepage, das keinen Zweifel an der dramatischen Lage des Unternehmens mehr ließ: "Eine Planinsolvenz kann nur verhindert werden, wenn wir für mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals die Zusage erhalten, dass Sie uns Ihr Kapital mindestens bis zum 31. Oktober 2014 nicht entziehen."

Mit anderen Worten: Prokon, jener obskure schleswig-holsteinische Ökokonzern, dem fast 75.000 Deutsche knapp 1,4 Milliarden Euro anvertraut haben sollen, steht möglicherweise vor der Pleite. Einen Fall mit solchen Dimensionen hat es selten gegeben. Zum Vergleich: Selbst beim spektakulären Zusammenbruch des Frankfurter Immobilieninvestors S&K im Sommer des vergangenen Jahres droht Privatanlegern nach jetzigem Stand "nur" ein Verlust von 200 Millionen Euro.

Das Handelsblatt spricht schon vom "neuesten Albtraum des grauen Kapitalmarkts". "Grau" sind Finanzanlagen, die abseits öffentlicher Börsen vertrieben und von der Finanzaufsicht nur wenig kontrolliert werden. In der Tat ist Prokon ein phänotypisches Beispiel für dieses Segment: Ihre an deutsche Kleinanleger verkauften Genussrechte vertrieb die Firma unter anderem auf dubiosen Verkaufsveranstaltungen, die fast wie Sektentreffen wirkten. Trotzdem wäre es zu kurz gesprungen, in Prokon allein ein Exempel für die unkalkulierbaren Risiken des Graumarkts zu sehen. Denn genauso wirft der Fall die Frage auf: Wie sicher ist eigentlich der "grüne" Kapitalmarkt?

Schaut man, welche Finanzanlagen hierzulande in den vergangenen Jahren die dramatischsten Verluste verursacht haben, dann sind darunter auffällig oft sogenannte ökologische Investments. 2012 ging der Solarkraftwerkeplaner Solar Millennium unter, 30.000 Anleger verloren rund 200 Millionen Euro. Im vorigen August schlitterte der Solaranlagenbauer SolarWorld nur knapp an der Pleite vorbei; um SolarWorld zu retten, verzichteten Aktionäre auf 95 Prozent ihres Kapitals, Anleihegläubiger nahmen einen Schuldenschnitt in Kauf. Kurz darauf erwischte es den schwäbischen Ökopionier Windreich, der sich mit Windparkprojekten auf hoher See übernommen hatte. Auch hier steht ein dreistelliger Millionenbetrag auf dem Spiel.

Windreich hatte eine sogenannte Mittelstandsanleihe herausgegeben, die nun auszufallen droht. Unter Wasser sind auch die Anleihen des Biogasanlagenbetreibers BKN Biostrom, des Solarproduzenten Solarwatt oder des Windradzulieferers Siag Schaaf. Nach einer Analyse der Ratingagentur Scope platzten seit 2010 die Anleihen von insgesamt 14 mittelständischen deutschen Emittenten. Drei Viertel davon kamen aus dem Bereich erneuerbare Energien.

Es wäre falsch, diese Firmen alle in eine Reihe mit Prokon zu stellen. Jeder Niedergang hat seine eigene Geschichte. SolarWorld etwa "war ein gutes Unternehmen, das aber im Boom ein zu großes Rad gedreht und sich zu hoch verschuldet" hat, sagt der Hamburger Vermögensverwalter Christian Gritzka. Auch Windreich sei der Konkurrenz lange Zeit voraus gewesen, "etwa was die Genehmigung für den Bau von Windparks in Offshore-Gebieten betraf". Im Vergleich dazu wirkte Prokon mit seinen fragwürdigen Vertriebsmethoden und dem wie ein Guru auftretenden Chef, der barfuß durchs Firmenvideo läuft, schon immer windig.

Doch neben diesen Unterschieden gibt es auffällige Gemeinsamkeiten. So lockten und locken viele Ökofirmen ihre Investoren explizit mit dem Versprechen, Geld nicht nur in rentable Projekte, sondern auch in ein gutes Gewissen zu stecken. "Dieser Appell verfängt vor allem bei privaten Anlegern", sagt Gritzka. "Die gesunde Skepsis wird ausgeblendet." Zumindest im Hintergrund steht zudem immer der Anreiz, an den Subventionen für die Ökobranche zu partizipieren. "Da übersieht man leicht mal, dass der Windfonds, in den man investieren will, viel länger läuft, als die garantierte Einspeisevergütung für den produzierten Windstrom gilt", sagt der Kapitalmarktrechtler Thorsten Voss, der bei der Finanzaufsicht BaFin viele Jahre lang für den grauen Kapitalmarkt zuständig war.